Sachbuch von Bert Ehgartner



Gesund bis der Arzt kommt
Ein Handbuch zur Selbstverteidigung
Verlag Lübbe 2010
Das Buch
Leseprobe
Rezensionen


Das Buch


"Die medizinische Forschung hat so viele Fortschritte gemacht, dass es überhaupt keine gesunden Menschen mehr gibt." Aldous Huxley Was ist für das Gesundheitssystem noch lukrativer als ein Kranker? Richtig: ein Gesunder, der krank werden könnte. Das Zauberwort Prävention nämlich rechtfertigt unzählige und vor allem unsinnige Behandlungen und vermag die Anzahl der Patienten ins Unendliche zu steigern. Dabei sind die meisten der breit angewandten Therapien nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich. Und auch vor ?echten? Kranken macht der Renditezwang nicht halt: Er führt zu falschen Diagnosen, zu falschen Medikamenten und zu bösem Pfusch. Durchschauen Sie die Gesetzmäßigkeiten des Gesundheitswesens und erkennen Sie die Eigeninteressen der Pharmaindustrie und Medizingeräte-Hersteller, der Ärzte und der Krankenhäuser. Finden Sie heraus, was tatsächlich sinnvoll für Sie und Ihre Gesundheit ist!


Unser Gesundheitssystem gibt sich schon lange nicht mehr nur mit der Heilung von Kranken zufrieden: Zahnprophylaxe, Tumorfrüherkennung, Impfungen, Kontrolluntersuchungen - die Krake der Prävention hat sich zu einer äußerst lukrativen Einnahmequelle entwickelt. Die Vermessung des menschlichen Körpers hat sich im Zuge dessen grundlegend geändert. Grenzwerte für Blutzucker oder Cholesterinspiegel werden gesenkt, um die Zahl angeblich gefährdeter Patienten in die Höhe zu schrauben. Immer genauere technische Geräte stellen minimale Veränderungen im Körper fest, die oft unnötigerweise als behandlungswürdig eingestuft werden. An konkreten Beispielen zeigt Bert Ehgartner nicht nur die gewinnorientierten Verstrickungen der Beteiligten, sondern bietet auch verblüffend positive Erkenntnisse - zum Beispiel wie wertvoll der Placebo-Effekt ist und wie Zuwendung und Zeit Medikamente ersetzen können. Wann wir tatsächlich Hilfe benötigen und was wir bei unserer Hilfesuche beachten sollten, erfahren Sie in diesem Buch.

Leseprobe zu Gesund bis der Arzt kommt

Gebärmutterhalskrebs: Wenn Früherkennung zum Geschäft wird
Als praktisches Beispiel, welche dieses Phänomen sehr gut illustriert, ist mir ein Fall aus Österreich in Erinnerung, der vor etwa zehn Jahren Schlagzeilen machte. Damals hatte eine Sprechstundenhilfe in der Praxis eines Linzer Frauenarztes „aus Mitleid“ Krebsbefunde gefälscht oder verschwinden lassen. Dabei handelte es sich überwiegend um auffällige Ergebnisse von Gebärmutterabstrichen, die zur Früherkennung eines Zervix-Karzinoms durchgeführt worden waren. Nach ihrem Erfinder George Papanicolaou wird die Methode auch Pap-Test genannt. Dabei werden die vom Muttermund mit einem speziellen Spatel oder einer Bürste abgestrichenen Zellen auf einen Objektträger verbracht und dann im Labor untersucht. Je nach Beschaffenheit dieser Zellen reicht das Ergebnis von Pap I (Normalbefund) bis Pap V (bösartiger Tumor). Die Laborbefunde werden dem Arzt zugeschickt, der diese wiederum seinen Patientinnen weiterleiten muss. Oder sich dabei, wie im Fall des Linzer Gynäkologen, auf seine Helferin verlässt.
Die damals 31-jährige Frau hatte sich, aus einer Steuerberatungskanzlei kommend, bei dem Arzt beworben, „um mehr mit Menschen zu tun zu haben“. Sie besaß keinerlei medizinische Ausbildung, und aus der heilen Welt ihrer Jugendzeit war sie gewöhnt, alle Schattenseiten des Lebens zu verdrängen. „Nie bin ich mit Krankheit und Tod konfrontiert worden“, gab sie später bei der Gerichtsverhandlung an. Mit ihrer persönlichen Vorgeschichte war sie heillos damit überfordert, die Patientinnen am Telefon mit heiklen Befunden zu konfrontieren oder schonend auf weitere notwendig gewordene Untersuchungen vorzubereiten. „Irgendwann habe ich es nicht mehr geschafft, den Frauen zu sagen, dass sie krank sind.“ Als das Trösten und Beruhigen zunehmend über ihre Kräfte ging, fing sie an, die Befunde zu verfälschen. Konkret nachgewiesen wurde ihr der Betrug in 99 Fällen, wo sie die Ergebnisse des Labors „umgeschrieben“ hatte.
Aufgedeckt wurden die Manipulationen erst, als die Sprechstundenhilfe wegen der ständig steigenden nervlichen Belastung kündigte und nach Wien zog. Nun konnte sie keine Nachfragen mehr abfangen und so wurde eines Tages ein Anruf einer Mitarbeiterin des zentralen Labors des Linzer Allgemeinen Krankenhauses an den Gynäkologen durchgestellt. Die Laborfachkraft rief an, um sich nach einer Patientin zu erkundigen, in deren Abstrich sie eindeutige Krebszellen diagnostiziert hatte. Als der Gynäkologe in der Kartei nachsah, stellte er fest, dass der Laborbefund dort abgelegt worden war, ohne die Patientin über ihren Tumor zu informieren. Im Gegenteil: Als er nachfragte, erzählte die betroffene Frau, die Arzthelferin habe ihr telefonisch mitgeteilt, dass bei ihr alles in bester Ordnung sei. Alarmiert sah sich der Arzt nun die Patientenakten genauer an und bemerkte, dass diese Vorgehensweise seiner ehemaligen Mitarbeiterin Methode hatte. In wochenlanger Recherche durchstöberte er sein gesamtes Archiv – immerhin 13.000 Patientinnen – und fand 140 Verdachtsfälle von Frauen, die er alle noch einmal zu einer Nachuntersuchung einladen musste, weil sie von ihren auffälligen Befunden nie etwas erfahren hatten.
Die Arzthelferin wurde angezeigt, ein medizinischer Gutachter arbeitete alle Fälle durch, und zwei Jahre nach Auffliegen des Falles kam es schließlich zur Gerichtsverhandlung. „Sie haben irrsinniges Glück gehabt“, sagte der Staatsanwalt zur Angeklagten. „Konkret ist durch ihre Taten nämlich keine einzige Patientin körperlich zu Schaden gekommen.“ Die meisten Krebsvorstufen waren, wie sich im Gutachten zeigte, bei der Nachuntersuchung verschwunden. Nur in sechs Fällen musste eine Konisation, das ist die vorsorgliche Entfernung des verdächtigen Gewebestückes, vorgenommen werden. Doch dies wäre bei wesentlich mehr Frauen geschehen, wären diese sofort behandelt worden. Ein konkreter akuter Krebsbefund löste sich gar in Luft auf. Der Gutachter tippte auf Spontanheilung. In keinem einzigen Fall wurde ein fortgeschrittenes Krankheitsbild festgestellt. Das Urteil für die ehemalige Arztsekretärin fiel dementsprechend milde aus: Sie erhielt fünf Monate auf Bewährung sowie eine symbolische Geldstrafe von 700 Euro, die sie dem Arzt für seine Überstunden zahlen musste. Die Angeklagte nahm die Strafe sofort an.
Nachdem das Urteil ergangen war, ereignete sich etwas nicht Alltägliches. Im Gerichtssaal anwesend war nämlich eine der „betrogenen“ Patientinnen des Gynäkologen, und sie bedankte sich bei der Arzthelferin überschwänglich für deren kriminelle Aktion. Sie war nämlich eine der Frauen, die bei der Nachuntersuchung vollständig gesund waren. „Wenn Sie damals den Befund nicht hätten verschwinden lassen“, sagte sie und umarmte dabei die Täterin, „wäre ich operiert worden und hätte mich wahrscheinlich einer Krebstherapie unterziehen müssen.“
Dieser Prozess ging als Kuriosum in die Annalen der Medizingeschichte ein. Konsequenzen wurden aus ihm jedoch nicht gezogen. Abgesehen vielleicht davon, dass der Fall zum Anlass für eine Diskussion genommen wurde, ob es künftig verboten sein sollte, dass jemand als Sprechstundenhilfe bei einem Arzt arbeiten darf, der überhaupt keine medizinischen Vorkenntnisse besitzt.

Wildes Screening: Gefahr für Frauen
Wesentlich sinnvoller wäre es aber gewesen, über jene Fälle zu diskutieren, die in der jetzigen Praxis, ohne Zutun von übersensiblen Arzthelferinnen, den normalen medizinischen Lauf nehmen. Gerade das Beispiel der Gebärmutterabstriche zur Krebsvorsorge eignet sich dazu nämlich hervorragend. Bietet sie doch, in Deutschland ebenso wie in Österreich, ein Musterbeispiel für eine Vorbeugemaßnahme, die nur jenen mit Sicherheit nützt, die daran verdienen: den Gynäkologen und den Laboren, welche die Abstriche auswerten. Die Frauen, die daran teilnehmen, aber werden systematisch in ihrer Gesundheit gefährdet.
Deutschland gehört zu den drei Ländern in Westeuropa mit dem höchsten Risiko, am Zervix-Karzinom zu erkranken und zu sterben. Mit einer Fallzahl von 2,8 pro 100.000 sterben mehr als dreimal so viele Frauen als in Finnland (0,9 pro 100.000) und genau doppelt so viele wie in den Niederlanden (1,4 pro 100.000). Und das, obwohl in Deutschland der jährliche Pap-Abstrich Teil des gesetzlichen Früherkennungsprogrammes ist und vom 20. Lebensjahr an ohne obere Altersgrenze gratis angeboten wird. Demnach hätte eine Frau, die sich an die Empfehlungen hält, im Lauf ihres Lebens mehr als 50 Abstriche machen lassen, während sie in Finnland gerade mal auf fünf und in den Niederlanden auf sieben diesbezügliche Termine beim Gynäkologen käme. Es ergibt sich also eine auf den ersten Blick absurde Konstellation: Wer häufiger zum Arzt geht, hat ein höheres Krebsrisiko.
Tatsächlich ist man in Ländern mit intelligenteren Screening-Programmen längst dazu übergegangen, ein Mindestalter einzuführen, unter dem der Gebärmutterabstrich nicht durchgeführt werden sollte. In Großbritannien liegt es bei 25, in Finnland, dem Land mit der weltweit mit Abstand geringsten Sterblichkeit beim Zervix-Karzinom, sogar bei 30 Jahren. „Der Grund liegt schlicht darin, dass sich bei den jüngeren Frauen nahezu alle Krebsvorstufen auf natürliche Weise wieder zurückbilden“, erklärte mir Ahti Anttila, der im Finnischen Krebs-Institut für das nationale Screening-Programm zuständig ist.
Frauen im Alter zwischen 30 und 64 Jahren werden in Finnland zum Pap-Abstrich schriftlich eingeladen. Das nationale Programm entstand aus einer im Jahr 1963 gestarteten Initiative von drei Stadtkreisen und läuft seit 1970 landesweit. Kein anderes Land weltweit verfügt über diese langjährige Erfahrung. Von Beginn an wurde das Programm wissenschaftlich begleitet. Durch diese ständige Kontrolle ergaben sich notwendige Anpassungen, um es in seiner Wirkung zu optimieren. Dies betraf zum einen das Untersuchungsintervall. Es wurde 1999 auf fünf Jahre ausgedehnt, sehr zur Verwunderung der finnischen Medien, die hier zunächst ein „Sparen zulasten der Frauen“ ausmachten. Doch es ging genau um das Gegenteil: „Weniger ist mehr“, lautete nämlich eine der wichtigsten Lehren aus der begleitenden Evaluation. „Wir ernten diesbezüglich immer viel Verwunderung bei ausländischen Gynäkologen“, berichtet Anttila. „Es fällt scheinbar ziemlich schwer, die eigentlich recht simple Tatsache zu verstehen, wie sich Krebs im Zeitverlauf entwickelt.“ Anttila verweist darauf, dass es nach den Ergebnissen des finnischen Programms mindestens zehn Jahre dauert, bis eine Krebsvorstufe in ein invasives Zervix-Karzinom übergeht. „Deshalb genügt ein Intervall von fünf Jahren vollauf, um damit dieselbe Sicherheit zu bieten wie mit einem kürzeren Intervall.“
Deutschland hält hingegen an den jährlichen Intervallen fest. Oft wird der Pap-Test sogar noch öfter durchgeführt. Ebenso in Österreich, wo er schon bei ganz jungen Frauen vorgenommen wird. Meine 23-jährige Tochter hat mir kürzlich erzählt, dass ihre Gynäkologin den Abstrich grundsätzlich zweimal pro Jahr durchführt, und zwar „jedes Mal, wenn ich ein neues Rezept für die Pille hole“. Ich war darüber sehr verwundert und bat sie, sich einmal bei ihren Freundinnen umzuhören. Und tatsächlich, sie bildete keine Ausnahme. In ihrem ganzen Umkreis war das Halbjahresintervall die Regel. Jüngere Frauen werden also tendenziell öfter getestet, bei älteren Frauen sinkt die Rate hingegen steil ab. Dies ist auch insofern problematisch, weil der überwiegende Teil aller Zervix-Karzinome in der zweiten Lebenshälfte auftritt.
Ein derartiges Vorgehen wird als „opportunistisches“ oder „wildes Screening“ bezeichnet, im Gegensatz zum organisierten Screening. Dabei gibt es keine festen Intervalle, der Abstrich wird genommen, wann es sich eben gerade ergibt. Frauen, die gar nicht zum Gynäkologen gehen, werden nie, jene, die sich regelmäßig zeigen, dafür umso öfter untersucht. An Vorsorge-Untersuchungen nehmen generell eher gesundheitsbewusste Frauen teil. Das höchste Risiko für das Zervix-Karzinom haben aber Frauen aus niedrigeren Sozialschichten. Gerade diese werden aber nicht erreicht, während die anderen überuntersucht werden. Ein weiteres Kennzeichen des wilden Screenings ist das Fehlen jeglicher Qualitätskontrolle. Es gibt auch keine zentrale Dokumentation der Ergebnisse. Niemand weiß also genau, wie es in der Praxis zugeht. Die meisten Frauenärzte wursteln allein vor sich hin.
Auch hinsichtlich der Labors sieht es trist aus. In einem Bericht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung an den Gemeinsamen Bundesausschuss findet sich nur eine einzige Arbeit zur Qualitätssicherung in jenen Labors, die die Pap-Tests auswerten. Er stammt aus dem Jahr 1997 von der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Allein in diesem Bundesland wurden 219 Zytologie-Labors erfasst, von denen die große Mehrzahl deutlich unter 10.000 Präparate jährlich auswertete. Zum Vergleich: In Finnland sind es im gesamten Land insgesamt nur 15 Labors, die für die Teilnahme am Programm zertifiziert sind. Hier gibt es natürlich hohe Fallzahlen und damit eine enorme Erfahrung bei der Interpretation der Ergebnisse. Damit wird sichergestellt, dass so wenig Fehlbeurteilungen wie möglich passieren: dass also keine Krebsfälle übersehen werden (falsch-negatives Ergebnis), aber auch keine Frauen unnötig mit nervenaufreibenden Nachfolgeuntersuchungen belästigt werden, die sich dann als Fehlalarm erweisen (falsch-positives Ergebnis). Der Ablauf ist mit einer Reihe von Maßnahmen zur Qualitätssicherung standardisiert: In wöchentlichen Besprechungen werden Erfahrungen zwischen den Verantwortlichen ausgetauscht, auffällige Befunde sind prinzipiell einem Chef-Pathologen vorzulegen, bevor sie abgeschickt werden. Die Ergebnisse werden gleichzeitig an das nationale Krebsregister übermittelt. Mit derartigen Maßnahmen gelang es, die Sterblichkeit am Zervix-Karzinom seit Einführung des Screenings um mehr als 80 Prozent zu reduzieren. Im Alter unter 50 Jahren gibt es in Finnland überhaupt fast keine Krebsopfer mehr.
Im Vergleich dazu herrscht in Deutschland diesbezüglich also die reine Anarchie: Es gibt keine zentrale Erfassung der Daten, keine Qualitätskontrolle, kein Feedback vom Labor, keine Sicherheitsstandards, die unabhängig kontrolliert werden. Dafür aber jede Menge Krebsfälle und noch mehr Verdachtsfälle und psychisch enorm belastende Nachuntersuchungen – kürzere Untersuchungsintervalle bieten den Gynäkologen schließlich auch mehr Anlässe, aktiv einzugreifen: Je öfter man nachsieht, desto häufiger stößt man auf Grenzfälle, wo eine Gewebeveränderung geprüft werden muss. Ohne begleitende Qualitätskontrolle und kritisches Feedback bei Fehlern hängt es von der Tagesform oder der Laune der damit befassten Ärzte, Laborfachleute und Pathologen ab, was unternommen wird und ob eine Probe als normal, kontrollbedürftig oder bereits als schwerwiegende Krebsvorstufe eingeschätzt wird, die über eine Gewebeentnahme abgeklärt werden muss. Pro Jahr werden in Deutschland etwa 50.000 Frauen einer so genannten Konisation unterzogen. Abgesehen davon, dass sich die Auffälligkeiten meist wieder zurückbilden, zeigt eine Studie von Max Geraedts, Professor für Gesundheitssystemforschung der Universität Witten-Herdecke, dass auch ohne diese Option 66,4 Prozent von 8236 vorgenommenen Konisationen als „übertherapiert“ anzusehen waren, weil sich bei der nachträglichen Untersuchung der Gewebeproben im Labor jeglicher Krebsalarm als unbegründet erwies. Weit mehr als die Hälfte dieser Eingriffe sind demnach vollständig unnötig.
Eine Konisation ist kein „kleiner“ Eingriff. Sie wird üblicherweise in Vollnarkose oder mit Regionalbetäubung durchgeführt. Nach Desinfektion, Spreizen der Scheide und in Einzelfällen örtlicher Einspritzung eines Medikamentes in die Gebärmutter zur Verhinderung stärkerer Blutungen entfernt der Arzt Gewebe im Bereich des äußeren Muttermundes in Form eines Kegels (Konus). Tiefe und Breite dieses Kegels richten sich nach dem Lebensalter und nach dem vor der Operation erhobenen Befund. Anschließend wird der Bereich des Gebärmutterhalses mit einem scharfen Löffel (Kürette) ausgeschabt. Am Ende des Eingriffes wird die entstandene Wundfläche elektrisch verschorft. Blutungen sowie ein rötlicher Ausfluss können bis zu drei Wochen nach der Operation bestehen. Manchmal treten auch Wundinfektionen sowie Entzündungen der Gebärmutter, Eileiter und Harnblase auf. Ist das Infektionsrisiko überstanden, so bildet sich eine Narbe, die ernsthafte Folgen haben kann: Bei späteren Schwangerschaften steigt das Risiko einer Frühgeburt deutlich an.
Hierzulande scheint vor allem wichtig, dass die Unzahl der Konisationen mit den Kassen abgerechnet werden kann. Von einer Qualitätsoffensive zur Schaffung eines Screening-Programms, das die Gesundheit der Frauen ins Zentrum stellt und nicht die finanziellen Anreize für Ärzte und Labors, ist hingegen wenig zu merken. Stattdessen wird gejammert, dass nicht einmal die Hälfte der Frauen sich an diesem wilden Screening beteiligen. Bei einer derart dilettantischen Praxis scheint es den meisten wohl aber sicherer, zu Hause zu bleiben – völlig zu Recht.
Auch in Finnland ist das Programm nicht immer so rund und zuverlässig gelaufen. Das größte Problem stellte die mangelnde Sorgfalt der Gynäkologen bei der Abnahme des Abstriches dar. Angebote der Gesundheitsbehörden zu einer intensiven Nachschulung wurden von der Standesvertretung abgelehnt – das Problem könne doch wohl nicht bei den hoch ausgebildeten Fachärzten gesucht werden, hieß es. Freiwillig werde sich jedenfalls niemand dazu herablassen, eine so wenig angesehene und „primitive“ Tätigkeit wie das simple Abstreichen von ein paar Zellen auch noch zu üben.
Daraufhin strichen die Behörden den Routine-Pap-Test kurzerhand aus dem Abrechnungskatalog der Gynäkologen und setzten im nationalen Screening-Programm auf speziell ausgebildete Krankenschwestern und Hebammen. Ab diesem Zeitpunkt gingen die Klagen der Labors, dass die Abstriche unbrauchbar seien, auf ein Miniumum zurück. Doch die Gynäkologen fanden sich mit dieser Zurücksetzung nur ungern ab, und vielen fällt es wohl finanziell schwerer als gedacht, auf diese für einen Spezialisten „unwürdigen“ Handgriffe einfach zu verzichten. Die Gynäkologen müssen nun ihre Abstriche zwar mit einem konkreten Verdacht begründen, um sie abrechnen zu können, doch auch in Finnland nimmt das wilde Screening – organisiert von den Frauenärzten – wieder zu. Und damit in den letzten Jahren auch ein Trend zu mehr statt weniger Biopsien, Konisationen und Gebärmutterentfernungen. „Leider erhöhen sich durch das intensivere Screening auch die medizinischen Eingriffe, um Veränderungen zu behandeln, die sich nie zu Krebs entwickelt hätten“, klagt Ahti Anttila. Der Weg zu einer für die Frauen sicheren Vorsorge führt also nur über die Disziplinierung der Frauenärzte. Während in Finnland das Problem aber zumindest erkannt ist, herrscht in den deutschsprachigen Ländern hier noch die pure Anarchie.

Tipps zur Selbstverteidigung

Der Gebärmutterabstrich (Pap-Test) zur Früherkennung eines Zervix-Karzinoms ist eine der sinnvollsten Maßnahmen zur Vorsorge gegen Krebserkrankungen. Das Risiko, an tödlichem Krebs zu erkranken, wird dadurch auf ein Minimum reduziert. In Ländern wie Finnland oder den Niederlanden wird seit vielen Jahren ein intelligentes organisiertes Screening angeboten. Die Frauen werden zu den Terminen über persönliche Schreiben eingeladen, der ganze Prozess, von der Abnahme des Abstrichs, der Auswertung und Untersuchung der Zellproben bis zur Durchführung der Behandlungen wird ständig evaluiert und unterliegt einer strengen Qualitätskontrolle. Damit haben es Finnland und die Niederlande geschafft, sowohl die Erkankungs- als auch die Sterbezahlen drastisch zu reduzieren. Sie liegen mit ihrer Taktik unangefochten an der Weltspitze. Die deutschsprachigen Länder befinden sich hingegen im schlechten Mittelfeld mit Fallzahlen, die im Vergleich etwa doppelt so hoch sind.
Die Ursachen dafür liegen zum einen im mangelnden Qualitätsbewusstsein und einer rein auf finanzielle Interessen ausgerichteten Abwehrhaltung der Ärzte, sowohl aufseiten der Gynäkologie wie der Labormedizin. Wenn sich die Gesundheitspolitik nicht weiter den Vorwurf gefallen lassen möchte, sie sei faul oder inkompetent wäre es hoch an der Zeit, diese Missstände endlich nicht mehr zu ignorieren. Für einen Bruchteil der Milliarden, die mit leichter Hand in die HPV-Impfkampagne gesteckt wuden, wäre es möglich gewesen, die Vorsorge auf das hohe Niveau der Vorbildländer anzuheben. Und man müsste nicht darauf hoffen, dass die Impfung in zwanzig bis dreißig Jahren noch wirkt: dann, wenn das Krebsrisiko tatsächlich ansteigt. Nein, der Effekt einer Abkehr von einem wilden zu einem organisierten Screening wäre sofort in geretteten Frauenleben und vermiedener Krankheit messbar. Ganz abgesehen von den psychischen Qualen, die Fehlalarm, Wartezeiten auf den Befund und Genitalverstümmelungen durch unnötige Eingriffe anrichten.
Zu erkennen, ob die Gynäkologen die Abstrichentnahme beherrschen, ist für Laien ebenso wenig möglich wie die Fachkompetenz der Auswerter im Labor zu beurteilen. Doch fragen Sie ruhig Ihre Ärzte, welche Maßnahmen sie selbst zur Qualitätssicherung zum Wohle der Patientinnen unternehmen. Beim Pap-Test ist eine der veranwortungsvollsten Aufgaben nämlich die sorgfältige Abnahme des Abstrichs. Wird hier gepfuscht, finden sich später im Labor keine Zellen, die sich untersuchen ließen, und das Ergebnis lautet „Pap 0“: „Zellabstrich unbrauchbar“. Falsche Entnahmetechnik ist auch die Ursache für zwei Drittel der Fehlbeurteilungen. Fragen Sie nach, warum der Abstrich so oft notwendig ist, wenn doch in Finnland und den Niederlanden der Pap-Test nur alle fünf Jahre gemacht wird. Ob versucht wird, die mindere Qualität der Untersuchung durch häufigere Intervalle abzusichern, damit es nicht zu viel ausmacht, wenn jede zweite Probe verschlampt wird und bei der Analyse im Labor keine Aussagekraft bietet. Wenn genügend Frauen nachfragen, gelangt das Anliegen vielleicht auch endlich zu den Fachgesellschaften oder zu den Politikern.
Vermeiden Sie – speziell in jungen Jahren – zu häufige Untersuchungsintervalle. Damit reduzieren Sie das Risiko gesundheitsschädlicher Eingriffe zur Behandlung von Veränderungen am Gebärmutterhals, die von selbst wieder ausheilen. Vergessen Sie aber auch nicht den Pap-Abstrich, wenn die fünf Jahre um sind. Denn wie gesagt: Eigentlich ist diese Vorsorgemaßnahme ja hoch sinnvoll und kann Leben retten …

Rezensionen zu Gesund bis der Arzt kommt


Interview von Bert Ehgartner in der Tageszeitung "Der Standard" mit Karin Pollack.

„Ein Plädoyer für mehr Selbstvertrauen“


„Gesund bis der Arzt kommt“, heißt das neue Buch des Medizin-Journalisten Bert Ehgartner. Mit Karin Pollack sprach er über gesunde Skepsis, kranke Angstmache und wissende Patienten.

Standard: Warum ist der Untertitel dieses Buch „Handbuch zur Selbstverteidigung“?
Ehgartner: Das Medizinsystem gleicht einem Dschungel, das jene die mit dessen Gesetzen nicht vertraut sind, leicht verschlingt. Ich habe versucht, jenen die hier ganz naiv hinein geraten eine Art Überlebenshilfe mitzugeben, damit sie weniger leicht in die zahlreichen ausgelegten Fallen tappen.

Standard: Haben Sie eine These?
Ehgartner: Wir haben viele Player im Gesundheitssystem, die jeder für sich und aus ihrer Perspektive vor Krankheiten warnen, neue Risiken orten und kommunizieren. Das alles führt zu einer großen Verunsicherung für Laien. Mit dem Buch habe ich einen Rahmen geschaffen, um die vielen Eigeninteressen offen zu legen, die hinter dieser Angstmache stehen.

Standard: Es werden sehr viele Krankheiten gestreift. Wie profund sind die Informationen?
Ehgartner: Ich sammle meine Informationen seit vielen Jahren, beobachte, in welche Richtung sich unser Gesundheitssystem entwickelt. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich übertrieben vor der Welt der Keime und Bakterien fürchtet. Aus meiner Sicht haben Krankheiten aber eine Funktion, können einen positiven Effekt haben und gehören zum Leben.

Standard: Wie bilden Sie sich ihre medizinische Meinung?
Ehgartner: Ich lese fast täglich aktuelle Studien, sehe, ob sie den Aussagen früherer Arbeiten widersprechen, wie sie gemacht sind und wie sehr die Finanziers versucht haben, die Resultate schöner dazustellen, als sie sind. . Besonder interessant ist in den letzten Jahren die Entwicklung bei den Volkskrankheiten Diabetes, Bluthochdruck oder Arteriosklerose. Hier gab es viele Rückschläge, bei über viele Jahre für gesichert angenommenen Therapiekonzepten.

Standard : Welche Rückschläge?
Ehgartner: Man hatte optimale Zielwerte für eine gute Einstellung des Blutzuckers oder des Cholesterins definiert, die einfach deshalb für optimal gehalten wurden, weil sie den Werten topfitter Jugendlicher entsprechen. Aber es stellt sich eben heraus, dass sich der Mensch nicht wie ein Auto einstellen lässt.

Standard: Für jedes dieser Themen gibt es Experten. Wie behalten Sie als Nicht-Mediziner den Überblick?
Ehgartner: Gerade als Außenstehender kann ich den Medizinbetrieb aus der Vogelperspektive beobachten und bin vielleicht nicht so betriebsblind. Dazu verlasse ich mich auf unabhängige Forschungsinstitutionen wie etwa die Cochrane Collaboration oder die Plattform „arzneitelegramm“. In Österreich leistet das Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology gute Arbeit und wir haben eine wachsende aktive Public Health Community. Sie fungieren als eine Art unabhängiger Polizisten im System. Gäbe es sie nicht, würde das System bald alle Sozialbudgets auffressen. Denn es kennt keine Selbstbeschränkung.

Standard: Haben Sie ein Beispiel?
Ehgarnter: Bei Cholesterin, aber auch Blutzucker sind die Grenzwerte so tief angesetzt, dass fast alle Menschen als krank diagnostiziert werden. Diese Dynamik ist problematisch, weil der Nutzen einer vorbeugenden behandlung von Gesunden oft nicht erwiesen ist und so getan wird als gebe es keine Nebenwirkungen.

Standard: Wirkt, als wären sie gegen Medikamente...
Ehgartner: Das wäre eine vollkommen falsche Interpretation. Bloß ist ihr Nutzen dort am größten, wo die Menschen tatsächlich krank sind.

Standard: Für Laien ist die Einschätzung aber schwierig?
Ehgartner: Wer Zusammenhänge kennt, kann sich besser orientieren, und genau das ist auch ein Ziel dieses Buches. So wie es überhaupt ein Plädoyer für mehr Selbstvertrauen in den eigenen Körper ist. Krankheit ist ein Teil des Lebens. Bei aller Angst vor Keimen vergessen die meisten, dass wir ein hoch kompetentes Immunsystem haben, das seit Milliarden Jahren mit Viren so fertig geworden ist. Wir wären Zauberlehrlinge, würden wir glauben, dass man dieses System über Fiebersenker oder Antibiotika ständig ungestraft manipulieren kann.

Standard: Im Buch geht es auch um Impfungen. Sind Sie dagegen?
Ehgartner: Nein, Impfungen sind tolle Errungenschaften, aber in den letzten Jahren ist eine Art Inflation bei der Impfstoffentwicklung ausgebrochen. Sie werden zu teils unverschämt hohen Preisen als Versicherungspolizzen gegen Krankheit verkauft und deshalb wurden Impfungen in der Pharma-Branche zu einem enormen Wachstumsmarkt. Das ist bedenklich, weil jede Impfung einen Eingriff ins Immunsystem darstellt, der auch nach hinten losgehen kann, wenn man Pech hat. Beispiele wie die Schweinegrippe oder die Impfungen gegen Gebärmutterhalskrebs (HPV) zeigen, wie gut Panikmache funktioniert.

Standard:_Sie plädieren also für Skepsis. Was heißt das praktisch?
Ehgartner: Nicht jedem Arzt sofort glauben, sich Zeit für Entscheidungen lassen, eine zweite Meinung einholen, im Internet recherchieren und Ärzte damit konfrontieren. Die Medizin ist ein weites Feld, eindeutige Einschätzungen sind selten. Es gibt immer Optionen.

Standard: Wird Gesundheit wirklich von den Playern des Systems entschieden?
Ehgartner: Natürlich nicht, es gibt bei uns keine Institution, die steuernd eingreift. Wissen über Ernährung wird von den Nahrungsmittelkonzernen als TV-Werbung vermittelt. In den Schulen gibt es keinen Gesundheitsunterricht.

Standard: Da würden viele Mediziner vermutlich aufschreien?
Ehgartner: Ja Schulmediziner. Ein Kapitel meines Buches beschäftigt sich mit dem Placebo-Effekt, also die Macht der Vorstellung, die tatsächlich Krankheit beeinflussen kann und die Selbstheilungskräfte aktiviert. Das nützen Alternativmediziner recht geschickt und genau deshalb sind sie auch so erfolgreich. Jeder gute Arzt sollte sich aber der Macht des Placebo-Effekts zu jedem Moment bewusst sein.

Standard: Ihr Rat?
Ehgartner: Sich einen guten Hausarzt als Vertrauten und Wegweiser bereits in guten Zeiten suchen, jemand, der die ganze Familie über viele Jahre betreut und kennt und der auch dann beraten kann, wenn Krankheiten eines Tages schwerwiegende Entscheidungen notwendig machen.


Rezension auf Amazon:

Das Buch "Gesund bis der Arzt kommt - ein Handbuch zur Selbstverteidigung" von Bert Ehgartner ist mir beim Kauf eines ganz anderen Buches zusätzlich "zugefallen". Gestern Nachmittag habe ich begonnen es zu lesen .. und habe mit Spannung die über 300 Seiten bis heute Mittag verschlungen.

Bert Ehgartner spricht viele sogenannte "Volkskrankheiten" an. Zeigt auf, wie es bestellt ist mit den scheinbar "großen" Erfolgen der Medizin in den letzten Jahrzehnten. Der "Kampf gegen" den Krebs, die Diabetes, das "böse" Cholesterin, die Grippewellen und vieles mehr. Er entlarvt viele über Jahrzehnte gewachsene Glaubenssätze über die "scheinbaren" Erfolge von diversen Therapien, anhand von Studien und Fallbeispielen als haltlos.

Die Verstrickungen von Pharmaindustrie, Instituten, Selbsthilfegruppen und staatlichem "Gesundheitssystem", die oft mehr dem Geldbeutel der Beteiligten dienen als den mit Krankheit betroffenen Menschen werden aufgezeigt. Ein System, das sich das Suchen nach "Krankheit" zur Aufgabe gemacht hat, getarnt unter dem Deckmäntelchen der Vorsorge und Prävention wird entlarvt.

Vieles was ich gelesen habe, war mir nicht neu. Der besonderen Wert des Buches ist einmal, daß es als "Handbuch zur Selbstverteidigung" von jedem eingesetzt werden kann. Alle Kapitel enden mit Hinweisen und Tipps zum bewussten Umgang mit der eigenen Krankheit, dem richtigen Verhalten im Umgang mit Ärzten und im Krankenhaus, um für sich persönlich, die richtigen Schlüsse und Entscheidungen fällen zu können. Selbstdenken!!

Der zweite Punkt, der das Buch für mich besonders macht, ist, daß Bernd Ehgartner nicht anklagt, er zeigt auf, führt nachprüfbare Fakten an. Das Buch zeigt uns die Tretminen, die auf uns Patienten warten. Für mich ein MUST READ. "Gesund bis der Arzt kommt" ist ein weiteres Buch für den Patienten, der sich nicht weiter für dumm verkaufen lassen will.

Ich sage das deshalb so drastisch, weil es vielleicht nun wirklich an jedem selbst ist, sich nicht von Ärzten verrückt machen zu lassen und jede angebotene Untersuchung/Therapie, noch dazu ohne ordentlichen Kommentar, über sich ergehen zu lassen, weil es dem Arzt eine Kopfprämie bringt oder der Pharmavertreter so nett war. Wenn unsere Volksvertreter nicht in der Lage sind, dort zu sparen, wo es langsam nötig wird, sollten wir es in die Hand nehmen und damit sogar manchmal unsere Überlebenschancen erhöhen. Viele Operationen sind einfach nicht nötig und man sollte endlich von der Praktik lieber Krankheit zu finanzieren abkommen.

An den Beispielen der "Volkskrankheiten" zeigt Bert Ehgartner z.B. anschaulich, wie unser Gesundheitssystem wirklich tickt und wie Pharmakonzerne gesunde Menschen zu lukrativen Patienten machen. Super finde ich ebenfalls, dass hier nicht nur aufgezählt wird, was falsch läuft, man bekommt einfache Tipps, wie man sich wunderbar "zur Wehr" setzen kann. Vieles war wirklich nicht neu, aber wenn diese Sachen eben noch zig Mal wiederholt werden müssen, dass die Menschen endlich begreifen, dann bitte noch ganz viele von diesen Titeln.

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