Das Medizinkartell von Bert Ehgartner



Das Medizinkartell
Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie
Verlag Piper, 2002 bzw. Piper Taschenbuch, 2004

Das Buch
Leseprobe
Rezensionen


Das Buch

Immer häufiger werden die Pharmaindustrie, die medizinische Forschung und die Ärzte zur Zielscheibe heftiger Kritik. Dieses Buch ist eine umfassende Innenansicht des Medizinkartells, die am Bild der selbstlosen Heiler erhebliche Kratzer hinterlässt, zugleich aber Chancen für Veränderungen aufzeigt. Die sinnlose Jagd auf die Keime ohne Rücksicht auf das Immunsystem, Medizin als chemischer Krieg, die Rolle der Impflobby, die Versklavung der Medizin durch die Industrie, die Abkehr vom Patienten - die Ursachen der folgenreichen Fehlentwicklungen.

erschienen bei: Piper Verlag, München 2002, ISBN 3492044077, Gebunden, 390 Seiten, 19,90 EUR


Leseprobe zu das Medizinkartell von Bert Ehgartner

Der Wettlauf um die Cholera
Was einem modernen Menschen vor allem auffiele, würde er durch europäische Großstädte des 19. Jahrhunderts wandern, wäre die ungeheure Anzahl an Tieren, die hier lebten. Es war eine von Pferden abhängige Gesellschaft. Pferdeomnibusse verkehrten, Pferdestraßenbahnen, Droschken und Kutschen. Reiten war für weite Teile der Bevölkerung selbstverständlich. In Hamburg standen noch 1892 in den Stallungen der Innenstadt und der Vorstädte 12.000 Pferde. Dazu kamen Unmengen an Kleinvieh. Viele Menschen hielten sich Hühner in Verschlägen, Enten liefen im Hinterhof herum, sogar Schweine und Schafe wurden gehalten. Überall lagen Exkremente auf den Straßen. Vom Mist der Tiere und vom Kot der Menschen lebten die Straßenreinigungskonzessionäre. Sie mußten den städtischen Behörden für das Recht, die Straßen von den Abfällen zu säubern, sogar eine Konzessionsgebühr zahlen. Den Dung verkauften sie an die Bauern des Umlands.
Das Wasser kam aus Gemeinschaftsbrunnen oder wurde direkt den Flüssen entnommen. Dorthinein flossen auch die Abwässer. In den rasch wachsenden Industrierevieren lebten die Arbeiter und Tagelöhner auf engstem Raum unter abenteuerlichen sanitären Verhältnissen. Ein ideales Umfeld für Seuchen.
Die Cholera war für die Europäer zu Beginn der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts etwas gänzlich Neues. Sie kam aus Asien, wo sie in manchen Gegenden, etwa in Indiens Großstädten, seit langem bekannt war und regelmäßig auftrat. Über die neu geschaffenen schnellen Verkehrsmittel, speziell über das Netz des British Empire, gelangte die Seuche auch in die europäischen Städte. 1829 trat sie am Südrand des Urals in Orenburg auf. Kaufleute einer bedeutenden Messe in Nischnij Nowgorod verbreiteten sie weiter, und im September 1830 erreichte sie wolgaaufwärts Moskau. 1831 hatte die Epidemie den Ostseehafen Riga erreicht, binnen weniger Monate grassierte sie in ganz Mitteleuropa.
Ein Choleraopfer empfindet anfangs ein unbestimmtes Unwohlsein, wozu auch das Gefühl einer leichten Taubheit gehört. Dem folgt schnell ein Stadium heftiger und langanhaltender Anfälle von Erbrechen und Durchfall. Die Ausscheidungen gleichen schließlich einem milchig wässrigen „Reiswasser“. Die Opfer verlieren bis zu einem Viertel ihrer Körperflüssigkeit. Darauf folgt dann der Zusammenbruch: Das Blut verdickt sich, so daß der Kreislauf nicht mehr funktioniert. Die Haut wird blau und „wellig“, die Augen liegen tief in den Höhlen und blicken stumpf, Hände und Füße sind eiskalt. Schmerzhafte Muskelkrämpfe martern die Opfer und lassen sie immer wieder zusammenzucken. Danach werden sie ihrer Umgebung gegenüber immer gleichgültiger, obwohl nicht alle das Bewußtsein verlieren. In diesem Stadium kommt es etwa in der Hälfte der Fälle, meist durch Herz- oder Nierenversagen, zum Tod. Der gesamte Krankheitsverlauf kann blitzartig, im Extrem binnen fünf Stunden ablaufen. Gewöhnlich dauert es aber drei bis vier Tage, bis das Endstadium erreicht ist.

Das Rätsel der Ursachen

Über die Ursachen der Cholera und ihre Verbreitung gingen die Meinungen diametral auseinander. Zum einen gab es die Lehre von der Existenz ansteckender Stoffe (Contagien). Sie ist schon recht alt, geht unter anderem auf die Pestärzte des 16. Jahrhunderts zurück, die eine Übertragung durch Berührung, das Einatmen verseuchter Luft und das Tragen kontaminierter Kleidungsstücke vermuteten. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts jedoch zogen zahlreiche wissenschaftlich ausgebildete Mediziner die Contagienlehre ernsthaft in Zweifel. Eine zweite Theorie sah örtliche Gegebenheiten als wichtig für den Ausbruch von Krankheiten an: Ausdünstungen aus verseuchtem Grundwasser und Boden, sogenannte Miasmen, welche die Luft vergifteten. Malaria bedeutet beispielsweise „schlechte Luft“ und wurde den Ausdünstungen sumpfig-heißer Landstriche zugeschrieben. Auch die Miasmatheorie wurzelt in der Pestmedizin des Mittelalters. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts hatte die Miasmalehre dadurch an Glaubwürdigkeit gewonnen, daß die angesehenen Mediziner Benjamin Rush und Daniel Webster sie als plausibelste Erklärung für die Gelbfieberepidemien in den USA vorgeschlagen hatten. Eine ganze Anzahl britischer Ärzte in Indien sah dies auch als Ursache der Cholera.
Als 1831 die ersten Nachrichten vom Auftreten der Cholera in europäischen Städten wie Königsberg, Warschau oder St. Petersburg nach Deutschland drangen, diskutierte die gespaltene Ärzteschaft heftig über die Vorzüge der jeweils eigenen Theorie. Der Kampf zwischen beiden Schulen wurde unerbittlich geführt – um so mehr, als bald auch in Deutschland die ersten Opfer gezählt wurden. Bei einem Argumentationsduell im Hamburger Ärztlichen Verein wurden gleich drei Kampfrichter aufgeboten, die auf Objektivität achten und das aufgeheizte Publikum ebenso im Zaum halten sollten wie die Diskutanten. Anschließend sollte eine Abstimmung die weitere Haltung des Ärztlichen Vereins in dieser Frage festlegen. Schon während die beiden Hauptredner, S. L. Sternheim auf der Seite der Contagionisten und Heinrich Wilhelm Buek auf der Seite der Anhänger der Miasmalehre, ihre Ansichten vortrugen, artete die Veranstaltung aus. Es kam zu regelrechten Gewalttätigkeiten, so „daß sie selbst von den drei vom Verein eingesetzten Kampfrichtern nicht mehr in parlamentarischen Schranken gehalten werden konnten. Der Streit wurde deshalb abgebrochen und die Kampfrichter legten ihr Amt nieder.“

Krieg und Rebellion

Als die Krankheit erstmals Europa erreichte, wurde alles an Zwangsmaßnahmen aufgeboten, was möglich war. In Rußland riegelte Militär die verseuchten Gebiete ab. Das Habsburgerreich verhängte scharfe Quarantänemaßnahmen. Opfer wurden von ihren Familien getrennt und in speziellen Cholerabaracken isoliert.
Das gehäufte Auftreten fremder Ärzte, die Geheimniskrämerei und die Zwangsmaßnahmen weckten bei vielen einfachen Bürgern die Überzeugung, daß die Regierung ihnen nach dem Leben trachtete. In Rußland wurden Ärzte und Beamte bei lokalen Aufständen umgebracht, in Österreich-Ungarn wurden Schlösser gestürmt und diejenigen niedergemacht, die Quarantänemaßnahmen verhängen wollten. Als die Cholera in Preußen auftrat, war die Reaktion ähnlich. Man munkelte, die Ärzte bekämen drei Taler Belohnung für jeden Choleratoten. Diese Gerüchte wurden um so mehr geschürt, als sich die Cholera fast nur in den niederen Schichten ausbreitete. Es hieß, die Krankheit sei von den Wohlhabenden eingeschleppt worden, um sich der Armen zu entledigen. Die Gerüchte wurden um so intensiver, je weniger die drastischen Quarantänemaßnahmen, das Ausräuchern, Desinfizieren und der riesige Markt von Wundermitteln Wirkung zeigten. Zur schlechten Stimmung in der Bevölkerung trug außerdem bei, daß viele wohlhabende Stadtbewohner, und unter ihnen offenbar viele Ärzte, die Flucht ergriffen und die Städte verließen, sobald eine Epidemie auftrat.
In Königsberg kam es 1831 zu einem regelrechten Volksaufstand, als die Polizei die Beisetzung eines Choleratoten auf dem Stadtfriedhof verweigerte und ihn vielmehr in einer Seuchengrube bestatten wollte. Die Trauergemeinde stürmte das Polizeirevier und warf alles Mobiliar auf die Straße. Militär wurde gerufen. Die Menge strömte in die Vorstädte, demolierte dabei Apotheken und mißhandelte Ärzte. Schließlich eröffnete das Militär das Feuer auf die Aufständischen. Sieben Personen wurden getötet, eine große Zahl verwundet und 177 festgenommen.
Schließlich wurde versucht, mit Cholerazeitungen Volksaufklärung zu betreiben. Darin wurde für die Maßnahmen der Behörden geworben. Die Bevölkerung wurde um Mithilfe und die Meldung von Krankheitsfällen gebeten. Häuser, in denen die Cholera auftrat, sollten sofort geräumt und desinfiziert werden. In ganz Deutschland wurden spezielle Cholerakrankenhäuser geschaffen. In regulären Krankenhäusern, in denen die Cholera auftrat, wurden keine Patienten mehr entlassen und keine mehr aufgenommen. Alle diese Maßnahmen gründeten natürlich auf der Annahme, daß Cholera eine Infektionskrankheit darstelle.
Was die Ansteckungslehre vor allem ins Hintertreffen brachte, war aber das völlige Versagen aller dieser Quarantänemaßnahmen. Sie konnten weder verhindern, daß die Cholera in eine Stadt gelangte, noch daß sie sich später dort ausbreitete. Alles, was damit erreicht wurde, so meinten die Kritiker, sei eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung, die Diskriminierung armer Bevölkerungsschichten und die Verletzung religiöser Empfindungen. 1832, als die Cholera bereits das zweite Jahr in Deutschland wütete, faßte deshalb beispielsweise der Stadtsenat von Hamburg den Beschluß, alle Vorsichtsmaßnahmen zu suspendieren. Die Maßnahme wurde von der Bevölkerung euphorisch begrüßt.
Das Fehlschlagen der Quarantänemaßnahmen galt fortan als Hauptgrund für die Schlußfolgerung, daß die Krankheit nicht ansteckend sei. Man glaubte aber immer nur zu wissen, was die Cholera nicht ist. Was sie hingegen war, wußte niemand zu sagen. Die Frage nach der Art und Weise, wie die Cholera sich verbreitet, schien den Wissenschaftlern so schwierig, daß etwa der Ärztliche Verein in Hamburg sich weigerte, sie 1848/49 auf seinen Tagungen überhaupt zu diskutieren.
Zwei weitere große Epidemien zogen durch Europa und wurden von Bevölkerung und Wissenschaft mehr oder weniger passiv hingenommen. Augenscheinlich zeigte sich kein besonderer Unterschied, ob die Krankheit nun bekämpft wurde oder nicht.

Pettenkofers Gegenthesen

1860 schien sich das Verständnis der Cholera schließlich grundlegend zu ändern. Der bayrische Naturwissenschaftler Max von Pettenkofer entwickelte neue Theorien, die alle offenen Fragen zu lösen schienen. Pettenkofer wurde 1818 in Lichtenheim bei Neuburg an der Donau geboren und wuchs in München unter der Obhut seines Onkels, eines Apothekers, auf. 1843 schloß er sein Medizinstudium ab und konzentrierte sich auf Pharmakologie. In Gießen arbeitete er bei Justus von Liebig, dem Begründer der organischen Chemie. Die Erfahrungen in Liebigs berühmtem Labor schienen seiner schöpferischen Energie gutzutun. Denn nun gelangen ihm in einer erstaunlichen Vielfalt Entdeckungen und Erfindungen in den unterschiedlichsten Bereichen der Naturwissenschaft. So war er an der Erfindung eines Fleischextrakts beteiligt, der noch heute unter Liebigs Namen bekannt ist. Dann entwickelte er ein Kupferamalgam für Zahnfüllungen und einen „guten deutschen Zement“. Mit seiner Technik, aus Holz Leuchtgas zu gewinnen, wurden ein Münchner Theater und der Hauptbahnhof beleuchtet. Daneben regte er Verbesserungen der Prägetechnik von Münzen an und ersann eine neuartige Methode, den gesprungenen Firnis historischer Ölgemälde zu restaurieren.
Sein Lebenswerk war jedoch die Etablierung der Wissenschaft von der öffentlichen Hygiene. Er schrieb 55 Bücher und Aufsätze zu den unterschiedlichsten Aspekten der Volksgesundheit. Zudem hatte er eine recht eindringliche Art, seine Theorien zu erklären und auch zu beweisen. Um zu überprüfen, ob Luft die Erde durchdringt, setzte er beispielsweise einen Kanarienvogel zwischen zwei Erdschichten und stellte fest, daß der Vogel überleben konnte.
Den größten Ruhm brachten ihm seine 71 Schriften zur Cholera ein, die Tausende von Seiten umfassen. Bereits 1869 trug er den Gedanken vor, die Cholera werde durch einen Keim hervorgerufen. Von Anfang an räumte er ein, daß dieser Erreger von einem Ort zum anderen gelangen könne. Er hielt es allerdings nicht für möglich, daß er ohne Mitwirkung anderer Faktoren einen Menschen infizieren könne.
Aufgrund seines genauen Studiums der Choleraepidemie von 1854 in München vertrat Pettenkofer die Ansicht, daß die Krankheit nicht durch „Ansteckung im engeren Sinne des Wortes“ verbreitet werde. Keinesfalls sei sie durch Trinkwasser allein übertragbar. Ebenfalls nicht durch kontaminierte Kleidung oder Gegenstände, sondern höchstwahrscheinlich durch Menschen – und auch durch solche, die selbst gar nicht an Cholera erkrankt seien. Sie könnten aber erst dann ansteckend wirken, wenn sie mit ihren Ausscheidungen den Boden verseuchten.
Wenn X der Keim sei, erklärte Pettenkofer, dann benötige er noch Y, die geeignete lokale Umgebung, und Z, die individuelle Empfänglichkeit des einzelnen Menschen, damit bei ihm die Krankheit ausbrechen könnte. X allein, so Pettenkofers unumstößliche Überzeugung, könne hingegen gar nichts.

Zur ebenen Erde und im ersten Stock

Weil die Cholera über verunreinigte Luft übertragen wird, seien daher Menschen auch besser geschützt, wenn sie in höheren Stockwerken wohnten. Am gefährdetsten hingegen seien jene in feuchten Kellergeschossen oder in beengten Wohnungen mit schlechter Luftzirkulation.
1847, mit 29 Jahren, wurde Pettenkofer zum außerordentlichen Professor für medizinische Chemie an der Universität München ernannt. 1853 wurde er dort Ordinarius und 1864 zu ihrem Rektor. König Maximillian II. von Bayern, dessen Aufmerksamkeit er mit seiner Entdeckung eines Herstellungsverfahrens für goldgesprenkeltes Aventuringlas auf sich gelenkt hatte, machte ihn 1850 zu seinem Hofapotheker. Diesen Einfluß nutzte Pettenkofer, indem er an drei bayrischen Universitäten für die Einrichtung von Lehrstühlen für Hygiene sorgte. Jener in München wurde 1865 ihm übertragen. Um die Jahrhundertwende gab es an mehr als 30 in- und ausländischen Universitäten leitende Professoren, die bei Pettenkofer studiert hatten. Mit der Drohung, andernfalls nach Wien abzuwandern, brachte er die bayrische Regierung schließlich auch noch dazu, in München ein Institut für Hygiene einzurichten, dessen Leitung er 1878 übernahm.

Die ersten Präventionsideen

Max von Pettenkofer gilt auch als Begründer der Präventivmedizin. Er befürwortete breit angelegte Initiativen zur Gesundheitserziehung der Bevölkerung. So propagierte er unermüdlich Mäßigkeit, Sauberkeit, regelmäßiges Baden, eine „vernünftige Ernährung“, warme Kleidung und frische Luft. Gegen Alkoholgenuß wandte er sich nicht zuletzt deshalb, weil dieser in der „entsetzlichen Atmosphäre“ verräucherter Kneipen stattfand. Für die verbreitete Furcht der Deutschen vor Zugluft hatte er nichts als Spott und Hohn übrig. Gesetzgeberische Maßnahmen lehnte er ab. Die Verbesserungen seien allein durch geeignete Erziehungsmaßnahmen zu erzielen.
Eingreifen müßten die Behörden aber, wo der Boden und damit das Grundwasser verseucht würde. Er setzte sich für Abfallbeseitigung und den Bau von Kanalisationssystemen ein und war überzeugt davon, daß man alle Wohnungen an eine zentrale Wasserversorgung anschließen müsse, weil sich die Menschen dann häufiger waschen würden. Es ist Pettenkofers Beharrlichkeit zuzuschreiben, daß München 1878 einen Schlachthof erhielt, die Stadt eine Wasserversorgung mit Gebirgswasser anlegte und eine neue Kanalisation baute, die zentral weit unterhalb Münchens in die Isar geleitet wurde. Das Wichtigste aber waren ihm frische Luft und gesunde Ernährung. Vorbeugemaßnahmen, so rechnete er vor, seien für jeden Staat auch wirtschaftlich profitabel. Damit ließen sich Krankenhauskosten einsparen und Krankheitsausfälle vermindern. Eine funktionierende Kanalisation und die Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser seien die unabdingbar notwendige Voraussetzung für ein reibungsloses Wirtschaftsleben. Sobald diese Leistungen aber zur Verfügung stünden, läge die Veranwortung für Gesundheit und Wohlergehen beim Individuum. Die Parallelen zwischen liberalen Staatslehren und Pettenkofers Theorie der Cholera sind offensichtlich.

Kochs Erfolgsrezept

Robert Koch war seit 1880 am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin beschäftigt, und sein Ruf verbreitete sich in der Fachwelt. Als er 1882 den Tuberkuloseerreger isolierte, wurde er schlagartig zum berühmtesten deutschen Forscher. Pettenkofer hingegen hatte für die recht simple Gleichung des aufstrebenden Preußen, „Erreger + Wirt = Krankheit“, nur Verachtung übrig. Es schien ihm geradezu lachhaft absurd, eine Krankheit nur über die Eigenschaften des Erregers zu definieren, wie es Koch ernsthaft versuchte. Für ihn waren die Bakteriologen „Leute, die nicht über Dampftopf, Wärmeschrank und Mikroskop hinausschauen“ . Und natürlich war Koch ein Anhänger des überwunden geglaubten Quarantänedenkens. Ein Keim sollte bis in den letzten Winkel verfolgt und dort vernichtet werden. Hier prallten zwischen Berlin und München Welten aufeinander.
Schließlich klopfte die Cholera 1883 wieder an die Pforten Europas. Die Seuche hatte bereits Ägypten erreicht und Städte wie Alexandria schwer getroffen. Louis Pasteur reagierte schnell und schickte ein Forscherteam unter der Leitung seines Jüngers Emile Roux. Der große Franzose selbst war gesundheitlich angeschlagen und zudem gerade tief in seine Arbeit über die Tollwutimpfung vertieft. Als die Aktion bekannt wurde, beschloß auch das Deutsche Reich, eine Choleraexpedition auszurüsten.
Koch reiste mit seinem Assistenten Georg Gaffky und zwei weiteren Schülern nach Ägypten. Um der Expedition maximale Publizität zu verschaffen, sollten die Ergebnisse der Reise nicht erst später, sondern unmittelbar veröffentlicht werden. Koch schrieb also seine Berichte regelmäßig von unterwegs an den Staatssekretär des Innern, Joseph von Boetticher. Diese wurden in halbamtlichen Journalen, in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, aber auch in Tageszeitungen veröffentlicht. , Koch schickte recht detaillierte und streckenweise auch durchaus spannende Schilderungen nach Deutschland. Etwaige Konkurrenten Kochs hatten zudem keine Möglichkeit, dessen fernschriftliche Forschungsergebnisse zu überprüfen.
Aus Ägypten gab es allerdings nicht sehr viel zu berichten. Als die Expedition dort eintraf, war die Epidemie fast erloschen. Einige wenige Choleraleichen ließen sich zwar beschaffen, Koch und Gaffky sezierten sie, allerdings gelang ihnen kaum mehr als die Bestätigung und Differenzierung der bekannten krankhaften Veränderungen im Darm der Cholerakranken. Daß sich hier jede Menge Mikroorganismen aufhalten, war bekannt, diese näher zu bestimmen erwies sich aber als unmöglich. Das gesamte aus Berlin mitgebrachte bakteriologische Instrumentarium – darunter diverse Nährmedien, Färbemittel und auch 60 weiße Mäuse – konnte wegen der enormen Hitze des Spätsommers in Alexandrien nicht eingesetzt werden. Kochs berühmte feste Nährmedien auf Gelatinebasis verflüssigten sich, und jegliches seriöse Experiment war damit von vornherein unmöglich.

Das Duell

Das Interesse der Öffentlichkeit fokussierte sich immer mehr auf den Wettkampf der beiden Forscherteams. Immer deftiger traten in der Presse nationalistische Tiraden in den Vordergrund. In der Tagespresse wurden die deutschen Wissenschaftler als selbstlose Heroen im Kontrast zu der selbstsüchtigen Scharlatanerie der Pasteurianer porträtiert. „Binnen kurzem kursierte in der Stadt (Alexandria) das Gerücht, die deutschen Ärzte hätten bereits sehr günstige Resultate aufzuweisen“, war beispielsweise im Berliner Tageblatt vom 26. September 1883 zu lesen. „Die Herren Franzosen spitzten die Ohren, suchten selbstredend ihrem Volkscharakter getreu, den Herren mit einem Riesenbacillus, den sie entdeckt haben wollten, in die Parade zu fahren, wurden indeß nach wenigen widerlegenden Worten des Geheimraths Koch, in ihre engen wissenschaftlichen Pfähle zurückgewiesen.“
Einen dramatischen Höhepunkt fand diese Konkurrenzsituation, als der französische Mikrobiologe Louis Thuillier am 18. September an der Cholera verstarb. Die deutsche Kommission nahm an der Beerdigung teil, und der Öffentlichkeit wurde damit ein dramatischer Beweis für die Gefährlichkeit der Seuche und für den Heroismus der Forscher geliefert. Das französische Team kehrte daraufhin heim, Koch entschloß sich zur Weiterreise nach Kalkutta, wo die Cholera endemisch auftritt. Im indischen Winter herrschten auch wesentlich gemäßigtere Temperaturen, sodaß nun auch die routinemäßigen Laborarbeiten möglich wurden. Bereits in seinem zweiten Bericht aus Indien konnte Koch am 7. Januar stolz über die geglückte Herstellung von Reinkulturen berichten. Die Bakterien im Darm der Cholera-Patienten wurden wegen ihrer Form „Kommabazillus“ genannt: sie konnten nun von anderen dort befindlichen Bazillen unterschieden werden, und ihr alleiniges Vorkommen im Zusammenhang mit der Cholera ließ sich belegen. Am 2. Februar schrieb Koch, man könne die Cholerafrage „als gelöst ansehen“ .
Bei seiner Rückkehr nach Deutschland, Anfang Mai 1884, überschlug sich die Presse in Jubelmeldungen. „Willkommen, Ihr Sieger“, titelte das Berliner Tageblatt am 3. Mai und begrüßte die Heimkehrer im „waffenstolzen Neudeutschland“. Damit wurden auch gleich Parallelen zum preußisch-französischen Krieg von 1870/71 gezogen. „Wie vor 13 Jahren das deutsche Volk einen glorreichen Sieg über den Erzfeind unserer Nation feierte, so feiert heute die deutsche Wissenschaft einen Sieg über einen der tückischen Feinde der ganzen Menschheit, über eine der gefürchtetsten und mörderischsten Volksseuchen der Neuzeit: Die Cholera.“
Den schlüssigen Nachweis, daß die Cholera von den Bakterien im Alleingang ausgelöst wird, hatte Koch aber gar nicht zu liefern vermocht. Denn gemessen an seinen eigenen strengen Ansprüchen hätte es noch der Ansteckung von Labortieren durch isolierte, in Reinkultur vermehrte Cholerabazillen bedurft. Dies war ihm nicht gelungen, obwohl er es noch kurz zuvor als unerläßlich dargestellt hatte. Somit war die ,Täterschaft‘ der Bakterien nicht erwiesen. Statt dessen gründete Koch seine Argumentation auf epidemiologische Beobachtungen lokaler Epidemien um kleine Teiche, die der Umgebung als Trinkwasserreservoir dienten. Hier ließ sich die Infektionskette vom infizierten Wasser über verseuchte Wäsche bis zu den erkrankten Anwohnern lückenlos belegen. Diese Beobachtung hätte jedoch genausogut die Theorie Pettenkofers bestätigt. Denn am Anfang der Infektionskette hätten demnach ebenso verseuchtes Grundwasser und Erdreich stehen können, die den Bakterien erst zur Wirkung verhalfen.

Preußens Held

Pettenkofer nahm die Nachricht, daß Koch den Choleraerreger gefunden hatte, ohne besondere Aufregung zur Kenntnis. Zu dieser Sache hatte er bereits vor einiger Zeit notiert: „Gesetzt, der Pathologe fände in einem Typhus- oder Cholerakranken wirklich den sogenannten Typhus- oder Cholerakeim, so wäre das wohl eine wichtige und schätzenswerte Entdeckung, aber es wäre dadurch die für die Menschheit wichtigste Frage noch lange nicht erledigt, nämlich, was einen Ort zu gewissen Zeiten zu einem Typhus- oder Choleraort macht und was geschehen muß, um einem solchen Ort diese Eigenschaft zu benehmen." Solche Bedenken wurden aber kaum gehört. Die Identifizierung des „Vibrio cholerae“ als Erreger der Krankheit wurde zu einem nationalen Triumph Deutschlands. Koch wurde die enorme Summe von 100000 Reichsmark zugesprochen. Er hatte die Franzosen besiegt, er war der Held Preußens. Und durch seine enorme Medienpräsenz erhielt augenblicklich die Partei der Keimjäger Aufwind.
Nachdem die Cholera 1883 gerade noch vor den Toren Europas kehrtgemacht hatte, gab sie im Jahr 1892 noch eine letzte große Vorstellung. Ernsthaft betroffen war mit Hamburg nur eine einzige Stadt. Und diesmal lief alles nach den Regeln Kochs. In Berlin hatte er schon gezeigt, wie beim kleinsten Anzeichen möglicher Epidemien zu handeln sei: Quarantäne, Desinfektion, Überwachung des Personenverkehrs, Cordons sanitaires. Jedem, der die behördlichen Vorschriften mißachtete, drohten mehrjährige Festungs- und Zuchthausstrafen. Im liberalen Hamburg hingegen stand Pettenkofer noch hoch im Kurs. Dessen Devise lautete: „Alles für die Prävention – aber wenn die Epidemie einmal da ist, bringen staatlichen Zwangsmaßnahmen nichts mehr.“
Hamburg war 1892 in mehrfacher Hinsicht ein idealer Ort für die Cholera. Zum einen war es ein Handelsknotenpunkt, sowohl zu Schiff als auch zu Lande. Besonders zu dieser Zeit war es auch ein frequentierter Amerikahafen, speziell für osteuropäische Auswanderer. Die rasch wachsende Bevölkerung drängte sich in den extrem dicht besiedelten Altstadtvierteln an der Elbe. Nahezu jeder Quadratmeter Wohnfläche wurde vermietet. In diesen Stadtteilen hatte jeder zweite Haushalt noch zusätzliche Logisgäste und Schläfer, denen abends eine Matratze hingelegt wurde. Der Prozentsatz der Haushalte mit Badezimmer lag dagegen weit unter zehn Prozent.
Bei den infrastrukturellen Einrichtungen der Stadtverwaltung sah es hingegen auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus. 1842 hatte ein Großbrand weite Teile der Innenstadt vernichtet. Wegen des dadurch notwendigen Neuaufbaus ergab sich die günstige Gelegenheit zur umfassenden sanitären Reform. So wurde der Bau eines unterirdischen Kanalnetzes mit einer zentralen Sammelanlage für alle Abwässer nach englischem Vorbild geplant. 1853 wurde es in Dienst genommen. 1860 gab es bereits 50 Kilometer Abwasserleitungen. Anfang 1890 teilte die Behörde mit, alle Häuser der Stadt seien an das zentrale Abwassersystem angeschlossen.
Auch eine zentrale Wasserversorgung, die sogenannte Stadtwasserkunst, gab es seit 1848. Bis 1890 waren mehr als 400 Kilometer Rohrleitungen verlegt, und nahezu jedes Haus der Stadt verfügte entweder im Innern oder auf dem Hof über einen Wasserhahn. Das Trinkwasser wurde zwei Kilometer oberhalb der Stadt direkt aus der Elbe entnommen und durch einen 800 Meter langen Kanal in drei große Klärbecken geleitet.
Berlin entnahm das Wasser ebenfalls aus seinem größten Fluß, der Spree, doch reinigte man dort das Wasser über ein ausgeklügeltes System diverser Sandfilter. Das Wasser sickerte durch mehrere Schichten feinen Sandes, schließlich wurde es mit Hilfe eines Rohrsystems gesammelt und dann ins Leitungsnetz gepumpt. Dieses simple System genügte, wie sich später zeigte, um die Choleraerreger unschädlich zu machen. Diese werden nämlich von im Sandfilter angesiedelten Bakterien abgetötet.
In Hamburg wurden Sandfilter nicht für nötig befunden. Das Wasser genoß einen hervorragenden Ruf und wurde von den großen Ozeandampfern gern als Vorrat genommen, „weil es sich so tadellos hält“. Die Lebendigkeit des Hamburger Wassers war ebenso berühmt wie berüchtigt. Weil Filter fehlten, wurden zahlreiche Lebewesen häufig bis in die Häuser geliefert. Hamburger Kinder sammelten Würmer, kleine Fische, Asseln, Muscheln oder Schwämme aus den Sammelbehältern. Fischweiber priesen ihre Ware mit Rufen feil wie: „Aale Aale! Frisch aus der Wasserkunst.“ Oft wurden auch tote Mäuse und andere Kadaver aus den Klärbecken angeschwemmt und verstopften dann die Leitungen.

Die Hamburger Epidemie

Vor dem erstmaligen Auftreten der Cholera Mitte August des Jahres 1892 war die Stadt von einer extremen wochenlangen Hitzewelle heimgesucht worden. Die Elbe hatte eine Temperatur von 22 Grad, ideale Bedingungen für die Vermehrung des Choleraerregers. Der Wasserstand der Elbe war so niedrig, daß die Flut das Wasser weiter landeinwärts trieb als üblich. Damit gelangten mit Sicherheit auch die Ausscheidungen von Cholerainfizierten zur Entnahmestelle des Trinkwassers.
Am 17. August ereigneten sich die ersten beiden Todesfälle. Zwei Tage später waren es bereits acht, und eine Woche darauf wurden täglich 400 Leichen gezählt. Koch traf als Abgesandter der Berliner Zentralregierung des Deutschen Reichs am 24. August in Hamburg ein. Das Ausmaß der Epidemie entsetzte ihn sichtlich. Gleich am nächsten Tag schrieb er an seine Geliebte, die 18jährige Kunststudentin Hedwig Freiberg: „Es war mir zu Muth als wanderte ich über ein Schlachtfeld. Überall Menschen, die noch wenige Stunden vorher von Gesundheit strotzend und lebensfroh in den Tag hineingelebt hatten und nun in langen Reihen dalagen von unsichtbaren Geschossen dahingestreckt, die einen mit dem eigenthümlich starren Blick der Cholera-Kranken, andere mit gebrochenen Augen, noch andere bereits tot: kein Jammern hört man, nur hier und da ein Seufzer oder das Röcheln der Sterbenden.“
Noch mehr als das Ausmaß der Epidemie entsetzten Koch bei seinem Weg durch das am schwersten betroffene Gängeviertel in der Innenstadt die elenden Wohnverhältnisse. Etwas Schlimmeres als die Arbeiterquartiere im Gängeviertel, erklärte er, hätte er noch nirgendwo in Europa gesehen. „In keiner anderen Stadt habe ich solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten angetroffen.“ Der Anblick scheint ihn an seine Choleraerlebnisse in Alexandria oder Kalkutta erinnert zu haben. Zu seinen Begleitern sagte er den damals berühmten und in den Zeitungen weitverbreiteten Satz: „Meine Herren, ich vergesse, daß ich in Europa bin.“
Robert Koch ordnete Quarantäne und Isolierung an. Vergnügungsveranstaltungen wurden mit sofortiger Wirkung untersagt. Desinfektionskolonnen nahmen ihre Arbeit auf und besprühten alle verdächtigen Wohnungen, Möbel, Betten und Gegenstände mit Karbol. Bald lag über der Stadt nicht mehr der Dunst der allgegenwärtigen Ausscheidungen der Cholerakranken, sondern eine penetrante Chlorwolke. Die Epidemie erreichte bis zur ersten Septemberwoche ihren Höhepunkt, dann fiel sie wieder steil ab. Die Kurve der Erkrankungen unterschied sich nicht von der bisheriger Epidemien. Auch ein kurzes Wiederaufflammen in der zweiten Septemberhälfte, als längst alle Maßnahmen Kochs umgesetzt waren, gehörte durchaus zum bis dahin beobachteten Wesen von Epidemien. Daß die Krankheit vorübergegangen war, wurde nun aber ausschließlich den Maßnahmen Kochs zugeschrieben.
Ende September 1892, in Hamburg klang gerade die Epidemie aus, kam es in Berlin zu einem letzten großen Zusammenprall der Kochschen und der Pettenkoferschen Sichtweise. Als wollte Koch seinen Triumph richtig auskosten, forderte er nun, rasch ein Reichsseuchengesetz mit unbeschränkten Durchgriffsrechten für den Staat zu verabschieden. Dazu berief er einen Fachausschuß aller medizinischen Kapazitäten des Reichs nach Berlin ein. Max von Pettenkofer reiste aus München zur letzten großen Konfrontation mit seinem Rivalen an.

Die Konfrontation

Es schien, als habe Koch die Demontage seines langjährigen Gegners wohlorganisiert. Seine Anhänger verfügten über eine komfortable Mehrheit. Pettenkofer wirkte an den ersten beiden Tagen noch recht lebhaft und trug in bewährter Manier seine Ansichten vor. Daß es unmöglich sei, menschlichen Verkehr „pilzdicht“ zu gestalten, daß Zwangsmaßnahmen deshalb unnötig seien, daß in München die Cholera ohne solchen Staatsterror praktisch ausgestorben sei. Koch wandte sich scharf gegen den Älteren, bezichtigte ihn, nicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu sein, unterstellte ihm Falschdiagnosen und stimmte den Münchner Kollegen mit seiner Mehrheit regelmäßig nieder. Am dritten Tag der Konferenz sagte Pettenkofer gar nichts mehr. Verbittert reiste er zurück nach München.
Um so größer war die Verwunderung, als Kochs erster Assistent, Georg Gaffky, wenige Tage später einen Brief Max von Pettenkofers in seiner Post fand. Darin bat dieser, ihm für wissenschaftliche Forschungszwecke eine Probe einer Cholerabakterienkultur zu übersenden. Gaffky schickte die erbetene Probe ab. Am 7. Oktober lud Pettenkofer einige seiner Schüler und Mitarbeiter in den Kurssaal des Instituts. Ohne große Umschweife erklärte Pettenkofer seinen Plan, die Cholerakultur zu schlucken. Aufgeregt versuchten seine Mitarbeiter ihn davon abzuhalten. Einige boten sich spontan an, den Selbstveruch an seiner Statt durchzuführen. Doch das lehnte Pettenkofer strikt ab. „Ich handle nach dem alten ärztlichen Grundsatz: ,Fiat experimentum in corpore vili!‘“ („Experimentiert mit einem wertlosen Körper“). Widerspruch ließ er nicht gelten. „Ich habe das Recht, mich als ein corpus vile zu betrachten. Ich bin 74 Jahre alt, leide seit Jahren an Glykosäure, habe keinen einzigen Zahn im Mund und spüre auch sonstige Lasten des hohen Alters. Selbst, wenn ich mich täuschte, und der Versuch lebensgefährlich wäre, würde ich dem Tod ruhig ins Auge sehen, denn es wäre kein leichtsinniger und feiger Selbstmord, ich stürbe im Dienste der Wissenschaft."

Milliarden Bazillen in einem Schluck

Zur Vorbereitung nahm Pettenkofer Bikarbonat ein, um die Magensäure zu neutralisieren, die laut Koch imstande wäre, die Erreger abzutöten. Dieser „Ausrede“ wollte er gleich zuvorkommen. Schließlich schluckte Pettenkofer einen Kubikzentimeter der Cholerakultur, die etwa eine Milliarde an Bazillen enthalten mußte. Das Gemisch, so sagte er, habe „wie reinstes Wasser“ geschmeckt.
Am nächsten Tag passierte gar nichts. Am 9. Oktober trat morgens ein starkes Grimmen in den Gedärmen auf. Dann begann ein mäßiger Durchfall, der vier Tage anhielt. Der Stuhl wurde fortwährend untersucht und zeigte enorme Mengen Cholerabazillen. Insgesamt fühlte sich Pettenkofer aber die ganze Zeit wohl. Von den schweren Krankheitserscheinungen der Cholera keine Spur. Auch den halbstündigen Weg von seiner Wohnung ins Institut legte er wie üblich zu Fuß zurück.
An Koch schickte er einen Brief folgenden Inhalts ab: „Herr Doktor Pettenkofer übermittelt seine Komplimente an Herrn Professor Doktor Koch und dankt herzlich für die Übersendung des Fläschchens mit der sogenannten Cholera-Vibrio. Herr Doktor Pettenkofer hat nun den gesamten Inhalt getrunken und freut sich, Herrn Doktor Koch davon in Kenntnis setzen zu können, daß er sich weiterhin in aufrechter, guter Gesundheit befindet.“
Zehn Tage später wiederholte Pettenkofers Assistent Rudolf Emmerich in fröhlicher Stimmung den Versuch. Um den Bazillen ordentlich Nahrung zu verschaffen, aß er zum Choleragebräu ein großes Stück Zwetschgenkuchen. Die übernächste Nacht verbrachte Emmerich fast zur Gänze auf dem Abort. Aber auch bei ihm war nach fünf Tagen alles vorbei.
Koch reagierte auf die Selbstversuche gar nicht. Aus seinem Umfeld kamen jedoch einige Erklärungen, die das ganze mehr oder weniger als Zufall darstellten. Einmal hieß es, Pettenkofer wäre immun, weil er möglicherweise zuvor schon einmal an der Cholera erkrankt gewesen sei. Georg Gaffky ging erst Jahre später auf den Selbstversuch ein und sagte, er habe Pettenkofer eine schwach virulente Kultur geschickt, „weil wir uns denken konnten, was er vorhatte“ . Aus heutiger Sicht erscheint dieses Argument Gaffkys wenig glaubwürdig. „Zu dieser Zeit glaubte Koch noch gar nicht an den Begriff Virulenz“, weiß der Heidelberger Medizinhistoriker und Robert-Koch-Experte Christoph Gradmann, „daß Keime sich einmal so und einmal so verhalten, das hielt Koch für eine Schnapsidee Pasteurs, mit der er nichts anfangen konnte.“
Die Resonanz auf den heroischen Versuch war jedenfalls gering. Pettenkofer gab sich in der Folge geschlagen und trat von allen seinen Funktionen zurück. Zwar überreichte man ihm die höchsten Auszeichnungen, doch er wurde immer depressiver. Er realisierte, daß Kochs Thesen ganz eindeutig den Sieg davongetragen hatten. Am 9. Februar 1901 erschoß sich Max von Pettenkofer 83jährig in seiner Münchner Wohnung.
Was die Infektionswege der Cholera betrifft, hatten von einer heutigen Warte aus gesehen beide Streithähne gleichermaßen recht und auch unrecht: In Hamburg hatte sich gezeigt, daß die Cholera sehr wohl über das Trinkwasser verbreitet wurde, wie Koch glaubte. Jenseits der Elbe in Altona, wo das Trinkwasser durch Sandfilter gereinigt wurde, forderte die Cholera deutlich weniger Opfer. In diesem Punkt irrte Pettenkofer in seinem Starrsinn. Vom Keim allein, wie Koch überzeugt war, hing es jedoch keineswegs ab, ob jemand erkrankte oder nicht. Denn das verseuchte Trinkwasser wurde von der zentralen Anlage in alle Wohnviertel geliefert, es erkrankten jedoch vor allem die Bewohner des hygienisch verwahrlosten Gängeviertels mit ihrer unterprivilegierten und mangelernährten Bevölkerung. In einer späteren statistischen Analyse der Hamburger Epidemie zeigte sich, daß in der Bevölkerungsgruppe mit einem Jahreseinkommen von über 10000 Mark nur 1,8 Prozent erkrankt waren, in jener mit einem Einkommen unter 1000 Mark aber gleich 11,3 Prozent. Die Cholera erwies sich damals – genau wie heute – als eine Krankheit, die dem Elend folgt, als eine Kriegs- und Katastrophenseuche. Ein wohlgenährter Magen jedoch bietet für Cholerabakterien eine nahezu unüberwindbare Barriere.



Rezensionen über das Medizinkartell

„Die Sünden der Götter“

In «Das Medizinkartell» zeigen Kurt Langbein und Bert Ehgartner, wie gerade die größten Erfolge der Medizin zu ihrer Fehlentwicklung beigetragen haben
Von Ina Helms, Berliner Morgenpost



Wer die Damen und Herren in Weiß bislang für Halbgötter hielt, wird bestürzt sein. Selbst eine Berühmtheit wie Robert Koch hat manipuliert und betrogen, als er sein Wundermittel gegen Tuberkulose, das Tuberkulin, auf den Markt brachte. Und Louis Pasteur, der große französische Chemiker und Bakteriologe, stahl Forschungsergebnisse seiner Kollegen und gab sie als seine eigenen aus.

Die Journalisten Kurt Langbein und Bert Ehgartner sind hart in ihrer Diagnose. Sie kennen kein Tabu, wenn sie in ihrem Buch «Das Medizinkartell» den kompletten industrialisierten Medizinapparat auseinander nehmen. Ärztliches Fehlverhalten, das Fälschen von Befunden und große Skandale sind dabei allerdings nur ein Aspekt. Im Vordergrund steht vielmehr die Erkenntnis, dass «die naturwissenschaftlich orientierte Medizin in einem Jahrhundert fast alle ganzheitlich orientierten Wissenschaftsansätze an den Rand gedrängt hat».

Trotzdem ist das Buch kein einfaches Statement gegen die Schulmedizin. Vielmehr zeigt es folgenreiche Fehlentwicklungen auf. Und räumt mit Vorurteilen über die vermeintlich großen Erfolge der Medizin auf. «Trotz eines gigantischen Aufwands gibt es nämlich gegen die großen Killer der Wohlstandsgesellschaft bis heute keine Mittel.» Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Allergien, Rheuma - in den seltensten Fällen sind sie heilbar.

Langbein, der bereits Mitautor des Bestsellers «Bittere Pillen» war, und sein Kollege Ehgartner begeben sich mitten hinein ins Medizinkartell. Sie beschreiben, wie gerade die größten Erfolge der Medizin zu ihrer Fehlentwicklung beigetragen haben. Der Kampf gegen Cholera und Tuberkulose habe zu einem Tunnelblick geführt, mit dem medizinische Forscher nur noch nach Krankheitserregern jagen und dabei kaum mehr untersuchen, warum ein Organismus nicht mit ihnen fertig wird. Nicht mehr der Mensch mit seinem persönlichen Hintergrund wird seither als Patient betrachtet, stattdessen gelten Krankheiten nur noch als fehlgesteuerte Organfunktionen, die es zu berichtigen gilt.

Zieht man aber eine nüchterne Bilanz der vergangenen zwei Jahrhunderte, so falle auf: Die Cholera war bereits auf dem Rückzug, bevor mit Impfungen begonnen wurde, und auch TBC ist weit gehend von selbst verschwunden. Nicht der gigantische Medizinapparat, so die Überzeugung der Autoren, habe zu der viel gerühmten Lebensverlängerung der vergangenen 100 Jahre beigetragen, sondern in erster Linie die besseren Lebensbedingungen. Helle und saubere Wohnungen, regelmäßiges Waschen und der Aufbau der kommunalen Wasserversorgung. Einzige Ausnahme sei die Unfallchirurgie und Intensivmedizin. Heute können Gliedmaßen wieder angenäht, Gelenke und Körpersäfte ersetzt werden. «Wo aber ein komplexer Prozess zu einer langwierigen Krankheit führt, ist die Medizin heute so hilflos wie vor 100 Jahren.»

Langbein und Ehgartner haben sich deshalb auf Spurensuche nach den Missständen in der Medizin begeben. Das Ergebnis ist zuweilen erschütternd. Die umfangreichen Krebsvorsorge-Programme werden als zumeist sinnlos entlarvt, die gesamte Maschinerie auch der Nachsorge wird einer kritischen Prüfung unterzogen. Die Fallbeispiele und Einzelschicksale sind dabei mit zahlreichen Statistiken unterfüttert wie etwa dem Ergebnis einer schwedischen Studie: In einer Gruppe von 600 000 Frauen, die mehr als ein Jahrzehnt regelmäßig an Vorsorgeprogrammen zur Früherkennung von Brustkrebs teilgenommen hatten, ist die Sterblichkeit lediglich um 0,8 Prozent zurückgegangen. Erwartet wurden 30 Prozent. Dazu kommt, dass nahezu 100 000 Frauen - jede sechste also - eine irrtümlich positive Diagnose erhalten hatte. Fast genauso häufig haben erkrankte Krebs-Patienten zig Tests hinter sich, bei denen ein Tumor hätte erkannt werden können.

Langbein und Ehgartner haben in der gesamten westlichen Welt recherchiert und dabei sowohl Zahlen als auch Geschichten aus den USA, England und Deutschland zusammengetragen. Erfreulicherweise sind diese wichtigen Statistiken eingebettet in Krankheitsgeschichten, Ärztebiografien oder kleine Reportagen, so dass das Buch leicht lesbar und verständlich bleibt.

Ausgemacht haben die Autoren letztlich «sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie», so der treffende Untertitel des Buches. Die sinnlose Jagd nach dem falschen Feind und Medizin als chemischer Krieg sind die ersten beiden. Sie begannen bereits im 19. Jahrhundert, als jede Bakterie ausgemerzt werden sollte und als alleiniger Feind galt. Als logische Folge wandten sich Ärzte vom Patienten ab, die Handlung verlagerte sich ins Labor: die dritte Todsünde. Inzwischen - Impfstoffe wurden industriell und Gewinn bringend hergestellt - wuchs auch der technische Apparat, der Ambulanzbetrieb entwickelte sich zum Massenbetrieb, die Medizin geriet vollständig in die Hände der Industrie - Todsünde Nummer vier. Die Folge der Maschinerie: Patienten sind ihren Ärzten vollständig ausgeliefert.

Langbein und Ehgartner nennen diese fünfte Sünde «Menschenfalle Medizin». Schließlich werden als sechste Todsünde Symptom und Ursache verwechselt, als siebente kommt die Geringschätzung des menschlichen Immunsystems hinzu.

Gerade diesem sollten sich Mediziner in Zukunft aber mehr widmen. Die Organismen ihrer Patienten als Partner betrachten und auch die Psyche einbeziehen. Ganz offensichtlich sind Langbein und Ehgartner keine Freunde eines allzu schnellen Griffs in die Medikamentenkiste. Doch wie reagieren, wenn sich ein Risiko abzeichnet, wenn der Körper Symptome sendet? Ein wenig ratlos bleibt der Leser zurück nach all den Einblicken in die Missstände und den Wahrheiten über erfolglose Vorsorgeprogramme.

Was also tun? Diese Frage bleibt auch nach 360 Seiten offen. Doch jeder, der das Buch gelesen hat, wird wohl in Zukunft mehr Fragen an seinen Arzt stellen und anschließend bewusster entscheiden, welche Therapie er haben möchte. In jedem Fall bleibt zu hoffen, dass vor allem Ärzte sich aufgrund der vorliegenden Recherchen kritisch mit ihrem Fach auseinander setzen.


Rettet uns vor unseren Rettern!

Falsche Medikationen, falsche Diagnosen, verfälschte Forschungsresultate: In ihren Recherchen über "Das Medizinkartell" fragen Kurt Langbein und Bert Ehgartner nicht, woran Patienten leiden - sie suchen Antworten, woran die Medizin leidet.
Von Michael Lohmeyer, Die Presse

Kurt Langbein, Bert Ehgartner: Das Medizinkartell. Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie, 382 S., geb., € 19,90 (Piper Verlag, München)

Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit!" "Essen Sie fettarm!" "Achten Sie auf Ihren Cholesterin-Spiegel!" Die Kommandos sind unerbittlich, und die Bilder stimmen hoffnungsfroh: Für eine Gesundheit, für ein langes, aktives Leben kann man etwas tun. Muß man etwas tun. Die Werbung peitscht, und Arzt und Apotheker lächeln. Das Medizinkartell ist am Werk, und Kurt Langbein ("Bittere Pillen", "Kursbuch Gesundheit", "Bioterror") und Bert Ehgartner haben unter den weißen Rock geschaut. Sie rütteln an den Götzen des Jugendkults, und sie leuchten die Schattenseiten des Medizinbetriebs aus. Langbein und Ehgartner fragen nicht, woran Patienten leiden. Sie suchen Antworten, woran die Medizin leidet.

An der Harvard University in Boston haben Gutachter das bisher umfassendste Screening des Medizinbetriebs der Moderne durchgeführt: Sie kommen zu einem alarmierenden Schluß. Durch ärztliches Tun kämen in den USA jährlich eine Million Menschen zu Schaden, 45.000 bis 98.000 Todesfälle seien die Folge von Diagnose- und Therapiefehlern. Eine entsprechende Arbeit für Europa gibt es nicht. Nur punktuell wurde die medizinische Trefferquote ermittelt: Im deutschen Görlitz wurden alle im Jahr 1987 Verstorbenen obduziert. Fazit: Bei 38 Prozent der Dahingeschiedenen fanden die Pathologen andere Todesursachen, als Mediziner in den Totenschein gekritzelt hatten.

Auch die Harvard-Spezialisten haben einen diesbezüglichen Vergleich angestellt - bei 50.000 Patienten, die in ärztlicher Behandlung während fünf Jahrzehnten gestorben sind. 1930 haben Ärzte 73 Prozent der Magenkarzinome richtig diagnostiziert, fünf Jahrzehnte später magere 61 Prozent. Dazwischen hat die Medizin eine Phalanx aus Abermilliarden teuren Apparaten in Stellung gebracht, die Pharmazie den Apothekerschrank mit Pulverchen und Wässerchen gefüllt und die Medizin, landauf, landab, suggeriert: "Alles ist möglich."

Ernüchternd auch die Analyse bei Blinddarmoperationen über den Horizont von Jahrzehnten hinaus: Quer durch die Jahre wurde bei jedem achten, der im Krankenhaus untersucht wurde, falsch diagnostiziert, nicht einmal zwei Drittel (exakt 60 Prozent) jener Fälle, die mit dem Stempel "akute Blinddarmentzündung" in den OP gerollt wurden, erwiesen sich nach Öffnen der Bauchdecke als solche. Und nur bei jedem vierten ist es zu einem Blinddarmdurchbruch gekommen, bei allen anderen war es schlichtweg falscher Alarm. Und das, obwohl heute Computertomographie, Ultraschall und Laparoskopie zur Verfügung stehen.

In Chicago hat ein unabhängiges Medizinerteam die Chirurgie eines Spitals genauer unter die Lupe genommen. An Hand der Fälle, die im Jahr 2000 medizinisch betreut wurden, kommen sie zu dem Schluß, daß bei fast der Hälfte (exakt 45,8 Prozent) der Patienten zusätzliche Gesundheitsprobleme entstanden sind, weil Ärzte "nicht entsprechende Entscheidungen" gefällt haben.

Tatsächlich also: "Alles ist möglich", aber anders, als dies Dr. Brinkmann und Co. vermeinen. Die Mediziner irren nicht nur, wie Menschen eben irren, sondern die Gesundheitsindustrie macht krank. Daß dies keine bedauerliche Irrung ist, beweist Framingham, ein Städtchen in Massachusetts, unweit von Boston. Seit 1948 läuft dort eine großangelegte epidemiologische Langzeit-Studie. Die Bewohner werden nach ihren Eßgewohnheiten und ihrem Gesundheitszustand befragt, die Ergebnisse statistisch ausgewertet, im Mittelpunkt des Projekts steht die Frage, welche Faktoren zu Herzerkrankungen führen. Laborwerte und Fakten werden gesammelt - und manchmal recht bunt zusammengewürfelt. Statistische Auffälligkeiten werden so im Handumdrehen zum Risikofaktor. 1959 wurde veröffentlicht, daß Blutdruck und hohe Cholesterinwerte häufiger bei Herzinfarktpatienten vorkommen als bei anderen. Auch so funktioniert Marktwirtschaft: Pharma-Riesen lassen in ihren Labors blutdrucksenkende Mittel am Fließband herstellen, die Nahrungsmittelindustrie beginnt langsam, was mittlerweile zum guten Ton gehört: "Essen ja, aber, bitte, light." Und dabei gebe es für den Ratschlag, fettarm zu essen, keinerlei wissenschaftlich fundierte Basis.

Das Wissenschaftsmagazin "Science" hat im Vorjahr den Ruf zu fettarmer bis fettfreier Kost auf den Seziertisch gelegt. Ernüchternd, was man herausgefunden hat: Es gebe keine Langzeitstudie, die untermauern würde, daß Menschen, die auf fettarme oder gar fettfreie Ernährung setzen, eine geringeres Risiko hätten, Herzkrankheiten zu erleiden. Vielmehr gebe es Kurzzeitstudien, die genau das Gegenteil belegen und keinen wie immer gearteten Zusammenhang herstellen. Diese Kurzzeitstudien sind freilich von geringerer Aussagekraft, für Langzeitarbeiten gebe es allerdings keine Lobby - und deshalb auch kein Geld.

Selten nur, daß innerhalb des medizinischen Betriebs Geld für die kritische Nabelschau bleibt. In Norwegen haben sich Wissenschaftler mit dem Einsatz von Medikamenten befaßt. Fast jeder fünfte Tod im Krankenhaus sei demnach darauf zurückzuführen, daß die falschen Medikamente oder die richtigen Arzneien falsch eingesetzt wurden. Letale Wirkung hatten am häufigsten Herz-Kreislauf-Mittel, Anti-Thrombose-Medikamente und gefäßerweiternde Arzneien. Eine US-Studie kommt zu dem Schluß, daß in den Vereinigten Staaten allein jährlich 106.000 Krankenhauspatienten an ihrer Medikation sterben. In einer Altersstudie kommen Internisten zur aufrüttelnden Schlußfolgerung, daß bei der Behandlung psychisch kranker Senioren "ein Drittel medikamentös unterversorgt, ein Drittel überversorgt war, und ein Drittel erhielt überhaupt die falschen Medikamente".

Schlaglichter und einzelne Studien. Nicht mehr? Der Blick in die Geschichte läßt starke Zweifel aufkommen. Denn das Buch geht auch zurück an die Wiege der modernen Medizin und läßt an Ikonen der Forschung wie Louis Pasteur und Robert Koch kein gutes Haar. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden hingebogen, um sich gute Geschäfte nicht zu verderben, vor allem aber den Ruf in der "wissenschaftlichen Community" nicht zu ramponieren. Eitelkeiten und Egoismen.

Und manchmal dominieren auch schlichte Geldgier und Skrupellosigkeit die ärztliche Fürsorge: etwa im Fall eines Essener Pathologen, der über Jahre Karzinome diagnostizierte, wo es keine gab. Keine kritischen Fragen, keine Skepsis in der etablierten Medizin, es bedurfte erst eines jungen Gynäkologen, der an seine Fehldiagnose nicht glauben wollte, um alles ins Rollen zu bringen. Dutzende Frauen sind verunsichert, fragwürdigen Chemotherapien ausgesetzt und ihre Brüste abgenommen worden. Langbein und Ehgartner rütteln nicht an den Dogmen in der Medizin, sie stürzen diese Dogmen. Etwa Vorsorgeuntersuchungen. Risikofaktoren werden zum Öl, das das Getriebe des Produzierens und Verkaufens von Medikamenten schmiert. Impfungen werden zum Allheilmittel gegen Gefahren, die erst im Getöse der Werbetrommeln entstehen, und haben die unerwünschte Nebenwirkung, daß dem Immunsystem Gelegenheit genommen wird, sich durch leichte Infektionen zu schärfen und den Organismus mit einem robusten Abwehrsystem auszustatten. Von anderen, folgenschwereren Nebenwirkungen ganz abgesehen. Und Werbung wittert ständig neue Märkte: "Schütze deinen Liebeskanal, mach einen Kaiserschnitt!"

Oder das Beispiel Krebs. Es macht für die beiden Autoren so augenscheinlich, woran das Medizinsystem krankt: Es beginnt bei der Diagnose, die auf sündteuren Apparaten aufbaut und scheinbare Sicherheit bietet. Scheinbar deshalb, weil immer nur einzelne Körperteile herausgepickt und analysiert werden. Und es geht weiter mit der Medikation und schließlich mit der Behandlung selbst, die völlig unkritisch eingesetzt wird. So war jahrzehntelang State of the art, daß bei Brustkrebs die Brust abgenommen werden müsse. Daß die Karzinome in vielen, viel zu vielen Fällen trotzdem wieder gekommen sind, hat anfangs niemand zu vermuten und deshalb zu untersuchen gewagt. Statistiken werden hingebogen, wie sie gerade nützlich sind, klagt das Buch an. Aktuelles Beispiel: die Immunschwächekrankheit Aids. Unter dem Titel "Zahlenspiele der UNO" bezweifeln die Autoren, ob es in Afrika tatsächlich die Aids-Epidemie gibt, von der ständig die Rede ist. Denn das HI-Virus wird auf dem schwarzen Kontinent nur in den seltensten Fällen diagnostiziert. Diese Tests sind teuer und nur selten verfügbar. Die Weltgesundheitsorganisation hat schon 1986 festgelegt, wer, statistisch, als Aids-Opfer geführt werden kann. Hauptkriterien sind Gewichtsverlust von mehr als zehn Prozent, länger anhaltender Durchfall und kontinuierliches Fieber, als Nebenkriterien werden Husten, Juckreiz, eine Pilzinfektion im Rachen sowie Lymphknotenschwellung, Herpes und wiederholt auftretende Gürtelrose genannt. Wenn ein Arzt zwei Haupt- und ein Nebenkriterium diagnostiziert, dann liegt Aids vor. Für die WHO. Die Symptome freilich sind nicht selten auf einem Kontinent, wo die Hälfte der Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser hat, Malaria und viele Infektionskrankheiten an der Tagesordnung sind und die medizinischen und hygienischen Standards im argen liegen.

Der Generalvorwurf der Autoren: daß durch die Spezialisierung der Blick für Gesamtzusammenhänge verlorengegangen ist. Nicht ein Organ ist krank und muß repariert werden, sondern ein Organismus reagiert auf eine ganz spezielle Situation, die durch psychische und physische Lebensumstände gekennzeichnet ist. Die gilt es zu erkennen, nur dann kann eine Behandlung erfolgreich sein. An diesem ganzheitlichen Ansatz allerdings verdienen sehr viel weniger, und obendrein bedarf er vor allem Zeit. Zu Gesprächen und realistischen Einschätzungen bleibt im herrschenden Medizinbetrieb keine Zeit, das zeigen die beiden Fallbeispiele aus der Perspektive von Patient und Arzt. Und deshalb erscheinen diese Sätze einmalig: "Ich wüßte auch nicht, was ich machen sollte, wenn ich in ihrer Situation wäre", sagt da ein Arzt. Und der Patient später: "Endlich weg von diesem Das-kriegen-wir-schon-hin-Gesülze. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, er redet offen mit mir."

Denkanstoß aus einer anderen Zeit: In China, heißt es, wurden die Ärzte früher nur von Gesunden bezahlt. Wer krank wurde, zahlte nichts und mußte gratis behandelt werden. Die heutige, westliche Medizin hat den diametral entgegengesetzten Ansatz.

Nein, die beiden Wissenschaftsjournalisten Langbein und Ehgartner haben kein Patentrezept parat, mit dem man sein Leben verlängern kann, und propagieren keine Wässerchen und Salben, die Schmerzen verschwinden und das Lächeln über das Gesicht kommen lassen. Mit dem "Medizinkartell" legen sie eine fundierte Recherche vor, die weder Erlösung verheißt noch Angst einflößt. Sie hat bloß das Zeug, uns dem Gesundheitsbetrieb, der nur zu oft krank macht, als mündige Bürger gegenübertreten zu lassen.



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