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Krank durch Medizin

Studien zeigen, dass Antibiotika und fiebersenkende Medikamente das Asthma- und Allergierisiko erhöhen - Ärzte verschreiben dennoch so viel wie nie zuvor. Nicht „zur Sicherheit der Patienten“, wie sie betonen, sondern eher zu ihrer eigenen.


„Die Angst vor Fieber hat sich kollektiv über die Generationen aus den Zeiten von Pest und Cholera vererbt“, erklärt der britische Kinderarzt Iwan Blumenthal, der dieses Phänomen zu seinem Forschungsschwerpunkt machte. Unrealistische Ängste sind speziell bei jungen Eltern sehr verbreitet. Sie erleiden in Sorge um die geliebten Kleinen regelrechte Panikattacken. Fieber ist die häufigste Ursache für die Konsultation einer Ambulanz oder eines Notarztes.

Blumenthals Studien zeigen gewaltige Wissenslücken. Ein Drittel der Betroffenen greift schon zum Fiebermittel, sobald die Quecksilbersäule über 37 Grad stieg. Die meisten Eltern wecken ihre Kinder in der Nacht auf, um sie fiebersenkende Medikamente schlucken zu lassen. 80 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass unbehandeltes Fieber mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Anfällen und Gehirnschäden führt. Sieben Prozent dachten gar, dass ohne medikamentöse oder ärztliche Hilfe das Fieber so lange ansteigt, bis das Kind stirbt.
Wahr ist eher das Gegenteil. Tests mit Tieren zeigten, dass jene das höchste Sterberisiko hatten, bei denen das Fieber künstlich gesenkt wurde.

Richtiges Fieber ist nämlich weit mehr als bloße Überwärmung. Es ist eine Art thermischer Alarmplan, der bei einer Infektion zur Anwendung kommt und dem Immunsystem ideale Arbeitsbedingungen bietet. Die normalerweise gut abgeschirmten Lymphknoten stellen dabei alle Ampeln auf grün. Auf Hochtouren werden Abwehrzellen durchgeschleust, aktiviert und neu gebildet. Die Kranken merken diese hektische Betriebsamkeit an geschwollenen Lymphknoten. „Fieber ist der erste Abwehrmechanismus des Körpers“, erklärt der Infektionsexperte Stefan Breyer vom AKH Wien. „Fiebersenkung ist deshalb die schlechteste Maßnahme.“ Fiebersenkung verzögert den Heilungsverlauf. Bekannt ist etwa das schlechtere Abheilen der Pusteln bei Windpocken, wenn Kinder Fieberzäpfchen erhalten. Zudem bieten Fieberkurven den Ärzten wertvolle diagnostische Informationen über den Verlauf einer Krankheit. Immer mehr Studien zeigen nun, dass fiebersenkende Arzneimittel auch ihren Teil zum ständigen Ansteigen der allergischen Krankheiten beitragen. Besonders unter Verdacht steht hier der Wirkstoff Paracetamol. Es wirkt sogar schon vor der Geburt. In einer britischen Langzeitstudie („Avon Longitudinal Study of Parents and Children“), bei der alle Krankheiten und Arzneimittel über Jahre hin penibel registriet wurden, zeigte sich, dass Mütter, die während der Schwangerschaft Paracetamol nahmen, später häufiger Asthma kranke Kinder haben. Nahmen sie diese Medikamente manchmal, stieg das Risiko um 22 Prozent, bei häufiger Einnahme gleich um 62 Prozent.

Fieber ist auch der hauptsächliche Anlass für die Verschreibung von Antibiotika für Kinder. Antibiotika werden in den allermeisten Fällen unnütz verabreicht, weil – speziell bei kleinen Kindern – mehr als 90 Prozent der Infekte viral bedingt ist. Eine Tatsache, die den Ärzten durchaus bekannt ist. Dennoch wird Antibiotika oft „zur Vorsicht“ verschrieben. „Damit sich keine bakterielle Infektion draufsetzt.“ Oder auch nur, weil es die Eltern verlangen. Untersuchungen zeigen, dass die Verschreibung von Antibiotika enorm von deren Einstellung der Kunden abhängt. „Wenn die Ärzte hier diagnostisch nicht gefestigt sind, so geben sie diesem Druck leicht nach“, sagt Breyer. Eine zusätzliche Rolle spielt die Angst vor möglichen Klagen der Patienten, falls einmal etwas schief gehen sollte. Und wenn Ärzte etwas verschrieben haben, sind sie vor Gericht eher auf der sicheren Seite.

Uns so steigt der Antibiotikaverbrauch in den letzten Jahren stetig an. 2007 verzeichneten Österreichs Krankenkassen einen neuen Allzeitrekord. Allein in den Arztpraxen wurden 5,7 Millionen Packungen Antibiotika im Wert von 77 Millionen Euro verschrieben.
Ähnlich verläuft der Trend in Deutschland. Während Kinder im Jahr 2001 im Schnitt an 5,9 Tagen des Jahres Antibiotika bekamen, erhielten sie die Medikamente im Vorjahr bereits über 8,1 Tagen.
Und die Kombo Antibiotika plus Fiebersenker verstärkt das Allergierisiko noch weiter. So fand etwa eine groß angelegte Untersuchung europäischer Allergieforscher („Parsifal Studie“), dass Kinder, die während des ersten Lebensjahres Antibiotika erhalten hatten, ein beinahe dreimal so hohes Asthmarisiko haben. Bei Kindern die in diesem Zeitraum fiebersenkende Medikamente erhalten hatten, war das Asthmarisiko um 54 Prozent, jenes auf Neurodermitis um 32 Prozent erhöht. Zu allem Überfluss kehren Krankheiten, die mit Fiebersenkern und Antibiotika kuriert werden, dann oft rasch wieder zurück. Das gilt für Mittelohrentzündungen ebenso wie für Scharlach. Offenbar gelingt es dem Immunsystem schlecht, eine dauerhafte Immunität gegen Keime aufzubauen, wenn es während des Krankheitsverlaufes ständig von außen „overruled“ wird. „Es ist keine Seltenheit, dass die Kinder sechs oder mehr Rückfälle mitmachen“, erzählt Stefan Schmidt-Troschke, ärztlicher Direktor des anthroposophischen Krankenhauses im deutschen Herdecke, „bis sie endlich mal an einen Arzt kommen, der die Courage hat, den Infektionsverlauf ohne Antibiotika durchzustehen.“
(Bert Ehgartner / Der Standard / online-Ausgabe vom 2008-06-13)


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