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Tschernobyl der Medizin

Thalidomid, der Wirkstoff des Schlafmittels Contergan, löste vor 50 Jahren die größte Katastrophe der modernen Medizin aus. Heute gilt es als Hoffnungsträger bei unheilbaren Krankheiten.



Es war die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Alles krämpelte die Ärmel auf, blickte nach vorne, bloß nicht zurück. Doch dann kam es tausendfach zu Szenen, die an Grauen nicht überbietbar waren. Ärzte und Hebammen ließen die eben geborenen Babys einfach liegen, stammelten etwas von Heimen, wo man „so etwas“ abgeben kann. „Früher“ sei das vergast worden. „Sie legten das Kind einfach auf den Boden, eingewickelt in eine Decke“, erzählt eine betroffene Frau in Andreas Fischers Interviewfilm „Contergan – Die Eltern“. Verwandte und Nachbarn stellten fürchterliche Vermutungen darüber an, was die Mütter in der Schwangerschaft angestellt haben könnten. Und die schwer geschockten Eltern wurden zusätzlich gestraft durch einen gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung, der drastisch die rasch verdrängte Vergangenheit wach rief. Manche Eltern bauten blickdichte Zäune um ihre Gärten, andere folgten den Ratschlägen und gaben ihre Kinder in Heimen ab, Mütter waren schwerst traumatisiert, Väter wandten sich ab, viele Ehen zerbrachen. „Ich kannte keine einzige Familie“, wird ein Arzt zitiert, „die diese Katastrophe halbwegs unbeschadet überstanden hat.“
In Art einer Epidemie kamen die Babys ab 1958 ohne Beine zur Welt, ohne Ohren. Oder mit verkrüppelten Händen, die wie Flossen an den Schultern angewachsen waren. Phokomelie, wurden diese bizarren Fehlbildungen genannt, nach dem griechischen Wort „phokos“ für Seehund/Robbe. Nun wurde erfahrenen Müttern schlagartig klar, warum diese Kinder sich im Bauch so ruhig verhalten und sie kaum gestoßen hatten. „Denn womit hätte das Baby auch stoßen sollen?“ Zwischen 8.000 und 12.000 Fälle gab es weltweit, etwa die Hälfte der Babys starb kurz nach der Geburt. Allein in Deutschland leben heute rund 2.800 Personen im Alter zwischen 45 und 49 Jahren mit Behinderungen, deren Ursache einen gemeinsamen Namen hat: Contergan.
Die fahrlässige Art und Weise, wie dieses Medikament in Umlauf gebracht und vermarktet werden durfte, lieferte den Anlassfall für die weltweite Einrichtung von Arzneimittelgesetzen, Nebenwirkungs-Meldesystemen und verpflichtenden Sicherheitsstudien. Vor allem aber bleibt der Contergan-Skandal ein Lehrstück für eine vermeidbare Katastrophe. Denn das ist der übereinstimmende Befund der wissenschaftlichen Analyse: Ohne das Zusammenspiel uninteressierter Behörden und willfähriger Wissenschaftler mit einer ausschließlich auf Profit orientierten Herstellerfirma wäre ein Unglück dieses Ausmaßes nie möglich gewesen.
Entdeckt wurde die Chemikalie 1954 vom Pharmazeuten Wilhelm Kunz, der beim Rheinischen Unternehmen Grünenthal – einer Tochterfirma der Dalli-Waschmittelwerke – nach potenziellen neuen Arzneimitteln forschte. Kunz fand „K17“, die 17. Substanz, die er für Grünenthal näher auf seine Eigenschaften testete, interessant. Sie erinnerte ihn von der chemischen Struktur an jene der Barbiturate, eine Wirkstoffklasse, die damals den Großteil der Schlaf- und Narkosemittel stellte. Kunz gab dem Wirkstoff den Namen Thalidomid und ging damit in den Tierversuch, um eine Krankheit zu suchen, die sich damit behandeln ließ. Hier stellte sich bald eine erste Euphorie ein, denn so hoch man das Mittel auch dosierte, es gelang nicht, damit Ratten zu töten. Und damit war schon ein gewaltiger Marktvorteil gegeben, führte bei Barbituraten eine Überdosierung doch rasch zu Atemlähmung und Tod. Thalidomid behandelte Mäuse, Ratten und Kaninchen zeigten auch sonst keine offensichtlichen Nebenwirkungen. Also ging das Mittel binnen eines Jahres in den Menschenversuch. Versuch ist hier aber nicht im Sinne einer kontrollierten Studie zu sehen, sondern bedeutete bloß, dass Vertrauensärzte der Firma das Mittel zugeschickt bekamen, um es bei Patienten zu testen. Erprobt werden sollte seine Eignung als entspannendes Medikament bei Epilepsie. Die Rückmeldungen der Ärzte waren negativ. Es taugte nicht bei Epilepsie. Aber dafür, so die Testärzte, erwähnten einige Patienten, dass sie nun wieder herrlich die Nacht durchschlafen. Und damit war nach kaum dreijähriger Testphase ein Produkt geschaffen, das nach Expertise der Firmenverantworlichen nun als „vollständig ungiftiges und absolut sicheres Hypnotikum“ rezeptfrei auf den Markt kommen sollte.
Grünenthal investierte kräftig in Produktwerbung. Thalidomid wurde als Schlaf- und Beruhigungsmittel ebenso angepriesen wie als Grippe-Medikament („Grippex“), gegen Erkältung, Asthma oder Angstzustände. Viele Eltern gaben Contergan auch ihren quengeligen Kindern, quasi als medikamentöse Alternative zum Mohnschnuller. Speziell geeignet, so die fatalste der Werbebotschaften, sei es gegen Morgenübelkeit bei Schwangeren. Insgesamt wurde Thalidomid weltweit unter 51 verschiedenen Handelsnamen und in einer verwirrenden Vielfalt von Rezepturen eingesetzt. In Deutschland war das Mittel ein Riesenerfolg und eroberte bald 50 Prozent des Schlafmittelmarktes. 1961 gingen 20 Millionen Tabletten über die Apothekertische, fast eine Million Deutsche nahmen es.
„Es gab keine Gesetze für das wirksame Erfassen von Nebenwirkungen,“ erklärt die Presseabteilung von Grünenthal diesen an Russisches Roulette erinnernden Katapultstart in den Markt. „Die Wirkstoffe mussten auch nicht auf Schädigungen ungeborenen Lebens überprüft werden. Gelernt wurde vor allem aus Erfahrungen von Anwendern.“
Dieses „Prinzip der Selbstüberwachung“ führte also dazu, dass Patienten bei neuen Arzneimitteln den Status von Versuchskaninchen hatten. Bloß mit dem Unterschied, dass es kaum auffiel, wenn es den Versuchskaninchen nach der Therapie schlechter ging als zuvor. Bereits kurz nach dem Markteintritt häuften sich beispielsweise die Meldungen bleibender Nervenschäden bei den Contergan-Konsumenten mit stechenden Schmerzen und Taubheitsgefühl an Händen und Füßen. Im British Medical Journal erschien dazu 1960 einen Report mit dem Titel „Is Thalidomid to Blame?“ (Ist Thalidomid daran schuld?).
„Für ein Schlafmittel hätte das bei weitem ausreichen müssen, um es vom Markt zu nehmen“, erklärt die deutsche Pharmazeutin Beate Kirk, die nach mehrjähriger Forschungstätigkeit die bislang umfassenste Analyse der Ereignisse publizierte. Grünenthal reagierte auf diese weithin bekannte Nebenwirkung erst, als der „Spiegel“ im Sommer 1961 ebenfalls einen entsprechenden Bericht brachte. Anstatt das Mittel zurückzuziehen, stellte die Firma jedoch bloß den Antrag, Contergan in die Rezeptpflicht aufzunehmen.
In Österreich hatten die Behörden von Anfang an auf der Rezeptpflicht für „Softenon“, wie Contergan hier hieß, bestanden. Nicht aus besonderen fachlichen Einwänden, sondern weil die Rezeptpflicht auf Druck der Ärztekammer generell sehr restriktiv gehandhabt wurde. „Dadurch war die Zugangsschwelle wesentlich höher“, erklärt Marcus Müllner, der Leiter der für Arzneimittelzulassungen zuständigen AGES PharmMed, „das Mittel durfte zudem nicht beworben werden.“ Auch Softenon entwickelte sich zum Bestseller „den uns die Ärzte aus den Händen rissen“, wie der damalige Vertriebschef der „Kleinen Zeitung“ stolz anvertraute (siehe Faximile). Doch trotz mehr als 100.000 jährlich verkaufter Packungen scheinen die Ärzte bei der Verschreibung an Schwangere zurückhaltender gewesen zu sein als die deutschen Kollegen. Davon zeugt die vergleichsweise geringe Opferbilanz mit „nur“ zwölf offiziell bekannten österreichischen Thalidomid-Opfern.
Dass es durchaus möglich war, das Gefährdungspotenzial auf Anhieb zu erkennen, bewies die Sachbearbeiterin Frances O. Kelsey von der US-Zulassungsbehörde FDA. Obwohl sie vom amerikanischen Lizenznehmer Grünenthals unter enormen Druck gesetzt wurde, beharrte Kelsey auf ihrer Forderung nach Beweisen für die Ungefährlichkeit der Einname bei Schwangeren. Später wurde Kelsey dafür von Präsident John F. Kennedy mit einem hohen Orden als „Heldin der FDA“ ausgezeichnet.
Auch Deutschland hatte einen Helden: den Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz. Ab 1960 war die Welle an Missbildungen nicht mehr zu übersehen. In mehreren Regionen suchten Mediziner nach der Ursache. Auch Contergan wurde von einigen verdächtigt. Doch die Ärzte zögerten ihren Verdacht öffentlich zu äußern, „bis der letzte Zweifel ausgeräumt ist“. Nicht so Lenz. Er ermittelte wie Epidemiologe und Staatsanwalt in Personalunion. Zunächst schloss er Erbkrankheiten aus, dann bewies er anhand von „Missgeburten-Registern“, dass es sich um keine zufällige Häufung handelte, sondern die Zahl der Fehlbildungen tatsächlich um das fünfzigfache zugenommen hatten. Lenz besuchte die Mütter, fragte konkret nach ihren Medikamenten und holte sich die Erlaubnis, die Arzneischränke selbst zu durchsuchen. Und schließlich fand er den gemeinsamen Nenner: die Contergan-Präparate. Diese Beweise legte er Grünenthal vor und forderte die Marktrücknahme. Als die Firma sich nicht einsichtig zeigte, hielt er einen öffentlichen Vortrag vor Ärzten und wandte sich schließlich an die Presse. Einen Tag später ging Grünenthal endlich in die Knie.
Es war also nicht die schuld von illegalen Atombomben-Tests, wie vielfach vermutet wurde. Es waren auch keine bösartigen Viren, wie Grünenthal lanciert hatte. Die Ursache lag in einem Arzneimittel dessen konkrete Wirkmechanismen von Anfang kaum untersucht und von niemandem verstanden wurden. „In Wahrheit,“ so der Wiener Krebsspezialist Heinz Ludwig, „weiß man bis heute noch nicht im Detail, wie Thalidomid funktioniert.“ (siehe Kasten)
Der zeitliche Ablauf der Fehlbildungen wurde nach der Marktrücknahme hingegen minutiös analysiert. Zwischen dem 34. und 38. Tag nach der letzten Regelblutung kommt es zu einem Fehlen der Ohrmusches und einer Lähmung des Gesichtsnervs. Zwischen Tag 40 und 44 werden die Arme, von 43 bis 46 die Beine geschädigt. Von Tag 48 bis 50 kommt es schließlich zu Daumenfehlbildungen und einer Verengung des Enddarms. In dieser sensiblen Phase der Embryonalentwicklung genügt eine einzige Tablette, um den Schaden anzurichten.
Das juristische Nachspiel des Contergan-Skandals dauerte noch bis 1970, als sich Grünenthal zur Zahlung von 100 Millionen DM Schadenersatz plus Zinsen bereit erklärte, um den Opfern je nach Behinderungsgrad eine kleine Rente von monatlich 100 bis 500 Euro auszuzahlen. Seit 1997 ist dieses Kapital jedoch aufgebraucht, die Versorgung nunmehr ganz Sache des Staates.
Schritt für Schritt zogen auch die Behörden die Konsequenzen. Arzneimittelgesetze wurden geschaffen, öffentlich rechtliche Zulassungsverfahren und ein verpflichtendes Meldewesen für Nebenwirkungen eingerichtet. Das Prinzip der „Selbstüberwachung“ hatte ausgedient. „Eine Garantie, dass so etwas nie wieder passiert, gibt es jedoch nicht“, sagt der Chef der österreichischen Zulassungsbehörde, Marcus Müllner. Die enorme Größenordnung sei heute jedoch nicht mehr möglich. „Je nach Schwere der unerwünschten Arzneimittel-Reaktionen“, so Müllner, „liegt die magische Grenze bei zehn bis 15 Fällen.“ Dann würden die Sicherheitsnetze spätestens greifen.
Seit kurzem läuft in der EU ein zentrales Auswertungssystem für Arzneimittelreaktionen, die zu selten sind, um sie in den Zulassungsstudien zu erfassen. Medikamente müssen zudem nun verpflichtend auch für Kinder mit entwickelt werden. Bisher waren etwa die Hälfte der Arzneimittel nicht für Kinder zugelassen, weil sie nie getestet worden waren. Dennoch wurden sie aber von den Ärzten „Off Label“, also außerhalb der Zulassung, eingesetzt. „Wir wissen, dass sich dadurch das Risiko unerwünschter Wirkungen verdoppelt“, sagt Müllner. „Und das wollen wir durch die neue Verordnung ändern.“ Gezielte Arzneimitteltests bei Schwangeren gibt es nach wie vor nicht. Bei Thalidomid zeigte sich jedoch, dass sorgfältigere Studien im Tierversuch die Gefährlichkeit des Wirkstoffes ebenfalls aufgedeckt hätten.
Medizinisch ist das Thema Thalidomid bis heute aktuell. Bereits 1964 hatte sich per Zufall gezeigt, dass das Medikament auch segensreiche Nebenwirkungen hatte. Ein israelischer Arzt gab es als Schlafmittel an Leprakranke und bemerkte, dass Thalidomid die gefürchtete „Leprareaktion“, eine schmerzhafte Entzündung mit schweren Hautreaktionen abmildern oder gar dauerhaft unterdrücken kann. Um Schäden in der Schwangerschaft zu vermeiden sind umfangreiche Patientenschulungen vorgeschrieben.
Dass dies auch schief gehen kann zeigte eine zweite Contergan-Welle, die in den 90er Jahren in Brasilien auftrat und Dutzende Opfer forderte. Dort war Thalidomid als Lepra-Medikament zugelassen und in Apotheken rezeptfrei erhältlich. Als Warnhinweis war vorne auf der Packung eine durchgestrichene schwangere Frau aufgedruckt. Doch gerade dies wurde zum Verhängnis, weil das Mittel daraufhin verstärkt von analphabetischen Frauen gekauft wurde: Sie dachten, es sei ein Verhütungsmittel.



Contergan-Renaissance

Der Wirkstoff Thalidomid wird derzeit gegen zahlreiche Krankheiten erprobt und in neuen hochpreisigen Produkten angeboten

Alle paar Monate schlüpft in der Allerheiligen-Apotheke in Wien-Brigittenau ein Mitarbeiter in die spezielle Schutzkleidung. Er schlüpft in zwei Arbeitshandschuhe, die in eine luftdichte Isolatorkammer eingebaut sind und öffnet ein Glas mit weißem Pulver. Es handelt sich dabei um Thalidomid, besser bekannt als Contergan. „Nur Männer dürfen diese Arbeit machen“, sagt der Inhaber der Apotheke, Herbert Baldia, „aus Sicherheitsgründen.“
Thalidomid wird immer häufiger nachgefragt, seit es bei Krankheiten wie dem Multiplen Myelom, „in der Therapie unersetzbar wurde“, wie der Wiener Krebsexperte Heinz Ludwig erklärt. „Man muss diese Wirkung bei Patienten erleben, die den Tod vor Augen haben und wo es dann plötzlich wieder bergauf geht.“
Das besondere an Thalidomid sind seine vielen Wirkmechanismen, die es auch zu einem Kandidat bei anderen Krebsarten sowie Autoimmunkrankheiten machen. Zum einen hemmt es die Ausbildung von tumorversorgenden Blutgefäßen, so wie es auch bei den Ungeborenen das Wachstum unterband und damit die Behinderungen auslöste. Es hat aber auch einen starken Effekt auf das Immunsystem, wirkt als Gegenspieler des Tumornekrosefaktors Alpha und dämpft damit Entzündungen. „Welche der vielen Mechanismen im einzelnen wirken“, sagt Ludwig, ist noch gar nicht im Detail erforscht.“
Elke Weichenberger, Krebspatientin und Obfrau der Myelom-Selbsthilfegruppe (www.myelom.at) hat das Medikament nun zwei Jahre lang genommen. „Ich habe damit fast eine komplette Remission erreicht“, sagt sie. Nun aber spürt sie, wie langsam die Erkrankung wieder aktiv wird. „Ich bin wieder sehr infektanfällig, leide an Nachtschweiß.“ Sie hofft nun auf das Nachfolgepräparat Revlimid, eine Weiterentwicklung von Thalidomid mit einer ganz ähnlichen Struktur.
Weiterentwickelt hat sich auch der Preis. Während eine Schachtel Contergan noch 3,90 DM kostete, kommt die 21-Pillen Packung Thalidomid, die in der Apotheke in Handarbeit gepresst wird, bereits auf 62 Euro. Senkrecht aufrecht steigen die Preise für das neue Produkt Revlimid. Hier kommt die Monatsdosis den Krankenkassen bereits auf 6.730 Euro.





„Ich könnte heut noch durchdrehen“

Hilda Halwachs Sohn Heinz wurde als österreichisches Contergan-Opfer ohne Hände geboren.

Profil: Wie kamen Sie mit dem Mittel Contergan bzw. Softenon, wie es in Österreich hieß, in Kontakt?
Hilda Halwachs: Mir hat es der Arzt verschrieben als ich mit 31 Jahren noch einmal schwanger wurde. Ich war sehr nervös und der Arzt verschrieb es mir zur Beruhigung, damit sich die Nervosität nicht auf das Kind übertragt.
Profil: War das Kind ungeplant?
Hilda Halwachs: Was war schon geplant damals. Kinder waren nicht zu bestellen, die sind halt passiert. Und wir haben uns auch drauf gefreut. Es war unser drittes.
Profil: Was hat der Arzt gesagt?
Hilda Halwachs: Dass es das sanfteste Schlaf- und Beruhigungsmittel ist, das es überhaupt gibt. Ich hab jetzt noch den Beipacktext von den Softenon-Tabletten. Da steht drin, dass es sogar für Babys ab vier Wochen zugelassen ist.
Profil: Dass die Babys nicht schreien?
Hilda Halwachs: Ja, es hieß, das ist völlig ungefährlich.
Profil: Ihr Kind kam dann ohne Hände zur Welt. Wie haben Sie darauf reagiert?
Hilda Halwachs: Ich könnt heute noch durchdrehen, wenn ich daran denke. Das als Mutter mitanzusehen, wie ein Kind ohne Hände auskommen muss, das kann man sich nicht vorstellen.
Profil: Wie haben Sie von der Ursache erfahren?
Hilda Halwachs: Aus einem Zeitungsbericht, den uns die Nachbarin vorbei brachte. Da war Heinz schon ein dreiviertel Jahr alt. Ich hab auf dem Foto genau das Tablettenschachterl gesehen, das ich auch genommen hab.
Profil: Herr Halwachs, was ist Ihre erste Erinnerung an diese Zeit?
Heinz Halwachs: Meine Mutter erzählte mir, dass ich einmal einem Nachbarskind die Puppe weggenommen habe. Ich hab sie mit den Zehen geschnappt. Da haben sie erst gemerkt, dass ich auch greifen kann und dann habe ich zum ersten Mal selbst Spielzeug gekriegt.
Profil: Hat Ihnen jemand dabei geholfen, Ihre Zehen als Finger zu gebrauchen?
Heinz Halwachs: Nein, es gab ja niemand, der Erfahrung damit hatte. Ich hab halt, meistens wenn ich am Topf gesessen bin, einen Bleistift bekommen. Dabei habe ich gelernt, den Stift mit den Zehen zu halten und zu zeichnen.
Profil: Heute betreiben Sie eine gutgehende Galerie in Loipersdorf, können vom Malen leben.
Heinz Halwachs: Das war eine lange Entwicklung. Am schlimmsten war es in der Jugendzeit. Da hätte ich die Hände am meisten gebraucht. Mit den anderen irgendwo fortgehen, in Kontakt treten, Führerschein machen. Das schlimmste war, wenn die Freunde mit dem Moped weg gefahren sind und ich bin zuhause geblieben.
Profil: Gab es Versuche, Ihnen zu helfen?
Heinz Halwachs: Ich bin so viel untersucht worden, dass ich am liebsten gar keine Ärzte mehr sehe. Als Kind haben sie mir sogar eine Prothese umgeschnallt mit zwei Holzarmen, mit denen man ganz primitiv zugreifen konnte. Da konnte ich grad mal einen Ball halten damit. Es war enorm anstrengend aber nicht hilfreich.
Profil: Haben Sie in der Schule malen gelernt?
Heinz Halwachs: Nein, da haben sie mir das Malen eher abgewöhnt. Das habe ich erst danach wieder angefangen, als sich ein akademischer Maler, der grad in Pension gegangen ist, meiner angenommen hat. Er brachte mir alles bei.
Profil: Und nun telefonieren sie auch mit den Füßen?
Heinz Halwachs: Ja, ich geh auf den linken Fuß und drücke die Knöpfe mit rechts. Aber insgesamt ist der Körper nicht gebaut dafür. Die Rückenschmerzen und die Haltungsschäden werden immer schlimmer. Mein Hüftgelenk tut immer mehr weh.
Profil: Haben Sie von der Medikamentenfirma jemals eine Unterstützung bekommen?
Heinz Halwachs: Ich bekomme eine kleine Rente. Habe halbtags eine Hilfe im Haushalt. Ja und meine Eltern wohnen nebenan.
Profil: Interessiert Sie der Contergan-Spielfilm?
Heinz Halwachs: Ja sehr. Den möchte ich unbedingt sehen. Wie das alles in Deutschland losgegangen ist und wie es dazu kommen konnte, was mir passiert ist.

Hilda Halwachs, 77, Pensionistin aus Loipersdorf im Burgenland, Mutter von 3 Kindern – deren jüngster Sohn Heinz Halwachs im August 1961 ohne Hände zur Welt kam. Er betreibt heute eine Galerie und ist Mitglied der Mund- und Fußmalenden Künstler.

(Bert Ehgartner, profil, 2007-11-05)


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