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Alarmstufe Rot bei Masern

Der heftigste Masern Ausbruch seit den 90er Jahren zeigt, dass die einstige Kinderkrankheit mittlerweile vor allem Erwachsene trifft. Widerstandsnester gegen die Impfung verhindern eine Ausrottung.


Linda Haag, 17-jährige Schülerin der Salzburger Waldorfschule, war in der Karwoche mit zwei Freundinnen unterwegs. Es wurde spät und sie haben sich wohl etwas erkältet. Am Ostersonntag waren alle drei krank. Es begann mit Kopfschmerzen, leichtem Fieber, entzündeten Augen. Schließlich traten bei einem der Mädchen typische Masern-Ausschläge auf. Als Linda ihre Hausärztin auf ihren Verdacht ansprach, winkte diese ab. „Masern“, sagte sie lachend, gibt es hier zum Glück schon lange nicht mehr.“
Mittlerweile ist der Ärztin das Lachen vergangen. Ebenso wie Linda, die zehn Tage schwer krank im Bett verbrachte und sich erst jetzt wieder langsam erholt. Und auch Lindas Mutter, die Betriebswirtin Sabine Haag, hat viel Ärger hinter sich. Zumal Linda, ebenso wie ihre beiden Geschwister geimpft war. „Allerdings hatte mir niemand gesagt, dass Masern eigentlich zweimal geimpft hätte werden müssen.“ Immerhin steckten sich Lindas zwei Geschwister nicht an. Im Gegensatz zu ihren Freundinnen und vielen anderen Schülern der Privatschule, die nach den Prinzipien des österreichischen Philosophen und Esoterikers Rudolf Steiner (1861-1925) geführt wird. Hier hatte nicht mal jeder fünfte Schüler eine Masernimpfung. „Jede Krankheit bietet immer auch eine Chance“, erklärt der Waldorf-Schularzt Stefan Görnitz eines der Credos der Anthroposophie (wörtlich: Weisheit vom Menschen), eine Impfung wäre demnach Entwicklungs hemmend.
Waldorf-Schulen werden damit immer mehr zu Widerstands-Nestern beim ansonsten weitgehend akzeptierten Versuch, die Masern über Impfungen aus Europa zu verdrängen. Abgesehen von einigen Einschleppungen durch Touristen haben die Impfkampagnen dafür gesorgt, dass heute ganz Nord- und Südamerika masernfrei ist. Bis die Impfkampagnen griffen, verursachten die Viren Millionen Todesfälle – vor allem bei Kindern der Dritten Welt. Zwar waren die Komplikationen in den Industrieländern vergleichsweise geringer, dennoch bedeuten die Masern für nahezu jedes Kind eine ernste Krise. Das Immunsystem wird dabei richtig gefordert und ist noch für einige Wochen angeschlagen und anfällig für Nachfolgeinfekte.
Speziell antroposophische Kinderärzte berichten immer wieder, dass diese Krise auch eine Chance bedeutet. Und tatsächlich gibt es in der Medizinliteratur einige Belege dafür, dass Masern etwa bei manchen Stoffwechselkrankheiten, aber auch bei Neurodermitis zu Spontanheilungen führen kann.
Doch insgesamt sind solche Fälle selten. Ebenso kann es nach Masern auch zu Rückschritten kommen. Zudem sind die Masern heute nicht mehr dieselbe Krankheit wie vor der Impfära. Es erkranken zwar viel weniger Menschen, jene, die es dann allerdings doch erwischt, erkranken wesentlich schwerer. Vor allem deshalb, weil viele nicht mehr im „idealen“ Vorschulalter erkranken, sondern davor oder danach, wo das Komplikationsrisiko ungleich höher ist.
Dass die Masern immer wieder ausbrechen, liegt zum einen an den Impfverweigerern, zum anderen aber auch daran, dass die Wirksamkeit der Impfung lange Zeit überschätzt wurde. Erst relativ spät merkten die Experten, dass bei etwa 10 bis 15 Prozent der Geimpften keinerlei immunologische Reaktion erfolgt und sie nicht geschützt sind. Trotz hoher Durchimpfungsraten durchzog etwa von 1989 bis 1991 eine große Masernwelle die ganze Hemisphäre von Südamerika bis Kanada. Die Komplikationsraten waren enorm und nicht mehr mit der Vorimpfära vergleichbar. Masern war eine wesentlich gefährlichere Krankheit geworden: Allein in den USA registrierten die Gesundheitsbehörden unter den 27.672 Masernerkrankungen des Jahres 1990 die enorme Zahl von 89 Todesfällen. Die Hälfte der Todesopfer waren jüngere Erwachsene und Babys im ersten Lebensjahr. Insgesamt endete also jeder 311. Krankheitsfall tödlich. In der Vorimpfära war man in den Industrieländern noch von einem Sterberisiko von höchstens 1 zu 10.000 ausgegangen. Das Risiko der Masern-Gehirnentzündung lag zwischen 1 zu 1.000 und 1 zu 10.000.
Die Öffentlichkeit reagierte geschockt, die Behörden mit der Einführung von landesweiten „Impftagen“. Schließlich wurde weltweit die obligate zweite Impfung eingeführt, um die so genannten Impfversager zu reduzieren.
Geblieben ist eine gefährliche Lücke bei Babys im Alter zwischen sechs und 12 Monaten, wo der „Nestschutz“ über mütterliche Antikörper rapide schwindet. Den Impftermin, der nun zum ersten Geburtstag empfohlen wird, einfach nach vor zu legen, ist problematisch. Für den Fall, dass nämlich doch noch Reste mütterlicher Antikörper vorhanden sind, stürzen sich diese auf die abgeschwächten Lebendviren der Impfung und machen ihnen rasch den Garaus. Daraus ergibt sich kein immunologisches Gedächtnis, der Effekt der Impfung verpufft. Das wäre noch kein Problem, wenn hier das Motto gelten würde: „Hilft es nichts, so schadet es auch nichts.“ Doch dem ist leider nicht so. Bei diesen „Impfversagern“ schlägt dann nämlich auch die Nachfolgeimpfung nur noch schlecht an. „Kinder im ersten Lebensjahr zu impfen, empfehlen wir deshalb nicht“, sagt Ingomar Mutz, der Leiter der österreichischen Impfkommission.
Das Dilemma, dass viele Babys zwischen dem sechsten Monat und ihrem ersten Geburtstag nunmehr ungeschützt sind, gilt derzeit als nicht lösbar. Umso bedrohlicher ist der aktuelle Masernausbruch. Wenn Babys im ersten Lebensjahr infiziert werden, kann Masern einen chronischen Verlauf nehmen, wo die Viren über Jahre im Organismus wüten und die gefürchtete subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) auslösen. „In den letzten 12 Jahren hatten wir in Österreich 16 Fälle“, erklärt Mutz. „Wir haben hier keine Therapie, das sind Todgeweihte.“
Jeder Ungeimpfte gefährdet auch diese schutzlosen Babys, warnen die Kinderärzte. Und auch die meisten impfkritischen Mediziner, wie etwa der Münchner Homöopath Martin Hirte, sind bei Masern voll auf Linie: „Hier hilft wirklich nur die Flucht nach vorne: ein Impfprogramm für möglichst viele.“ Nur dadurch könne es gelingen, die Bevölkerung langfristig vor Masern zu schützen.
Wie riskant Masern inzwischen vor allem für Erwachsene geworden ist, zeigt die aktuelle Epidemie: Bis Freitag mussten sieben Patienten im Alter zwischen 16 und 30 Jahren in der Salzburger Klinik aufgenommen werden. Die Masernviren stammen wahrscheinlich aus der Schweiz, wo im Vorjahr rund 500 Personen erkrankten. 87 Prozent der Betroffenen waren nicht geimpft. Jeder dritte Masernkranke war älter als fünfzehn, jeder zehnte sogar älter als dreißig Jahre. Es kam zu vier gefährlichen Gehirnentzündungen. Jeder zehnte Erkrankte wurde im Krankenhaus behandelt. 7 Prozent erlitten als Zweitinfektion eine Lungenentzündung, ebensoviele eine Mittelohrentzündung. Gestorben ist glücklicherweise niemand. Dennoch zeigt dieses Bild, was Impfverweigerern – oder deren Kindern – droht.
Im Vergleich zu dem, was Masern in Afrika anrichten, erscheinen diese Zahlen dennoch harmlos. Marie-Christine Férir, die Koordinatorin der Masern-Impfkampagne für „Ärzte ohne Grenzen“, illustriert das mit einem afrikanisches Sprichwort: „Es lautet: Wieviel Kinder du hast, weißt Du erst, nachdem die Masern durchgezogen sind.“ Nach den verheerenden Ausbrüchen des Vorjahres im Tschad ist die Hilfsorganisation derzeit in Niger aktiv. Ständig flackern hier die Masern auf, tausende sind erkrankt. „Weil das Sterberisiko so groß ist, überrennen uns die Impfwilligen regelrecht“, sagt Walter Lorenz, der derzeit mit elf Impfärzten in der Stadt Zinder aktiv ist.
Gerade im dicht besiedelten Afrika mit seinen ständigen Krisen und der schlechten Infrastruktur stößt die Organisation einer lückenlosen Impfkampagne aber seit Jahren auf unlösbare Hindernisse. Die von der UNO für 2010 prognostizierte Ausrottung der Masern ist deshalb sehr unwahrscheinlich.
Bei der Kinderlähmung, die noch in den 50er und 60er Jahren in Österreich wütete, ist die Chance etwas besser. Nur noch in vier Ländern halten sich die Polio-Wildviren. „Wir sind aber optimistisch, dass wir in spätestens fünf Jahren, so wie bei Pocken, dieses Problem los sind“, hofft der Wiener Impfexperte Wolfgang Maurer. Im Vergleich zu Polio, wo die Viren wochenlang im Wasser überleben und auch von Wildtieren übertragen werden können, wäre die Ausgangslage bei Masern eigentlich wesentlich günstiger. Der charakteristische Verlauf der Erkrankung ist fast so auffällig wie bei Pocken und es gibt nur sehr selten stille Infektionen. Die Masernviren brauchen zudem eine relativ große Menge von empfänglichen Menschen, um auf Dauer in einem Land „überleben“ zu können. Man geht dabei von einer Mindestzahl von 250.000 Personen aus. In weitgehend isolierten Gebieten, beispielsweise auf Island, konnten sich die Masern schon in der Zeit vor den Impfungen nicht halten und waren manchmal über viele Jahrzehnte verschwunden. Die Chancen stünden also gut. „Umso mehr sollten wir uns genieren“, schmipft Maurer, „dass wir allein in Salzburg so viele Masernfälle haben wie in ganz Amerika mit seinen 900 Millionen Einwohnern.“
„Wir wissen vom Autoverkehr, dass erst die Einführung einer Gurtenpflicht die Todesrate entscheidend reduzierte“, sagt der Chef der Impfkommission Ingomar Mutz. Wie der Situation bei Masern am besten zu begegnen ist, sei nun Sache der Politik. Es müsse ja nicht sofort eine gesetzliche Impfpflicht sein, sagt Mutz. Es gäbe auch positive Anreize. Im Krankenhaus Graz bekamen beispielsweise alle Bediensteten, die zur Grippe-Impfung erschienen die Autobahn-Vignette von der Klinikleitung geschenkt. Damit stieg die Zahl der Geimpften rapide von 1600 auf rund 4000. Etwas ähnliches könne man sich ja auch bei Masern überlegen, sagt Mutz. „Aber ohne irgendeine Art von Druck obsiegt die Schlamperei.“
Anthroposophen wehren sich gegen den aufkommenden Ruf, sie seien verantwortungslose Bioterroristen. Immerhin, so Schularzt Stefan Görnitz, zeigten Studien, dass Kinder aus Waldorf-Schulen meist sehr gesund sind und seltener unter Allergien leiden. „Dazu tragen fieberhafte Krankheiten viel bei.“
Vor zwei Jahren erschien die bisher umfassenste Studie zum antroposophischen Lebensstil mit europaweit 6630 Kindern, die zu zwei Drittel Waldorfschulen, zu einem Drittel öffentliche Schulen besuchten. Mit der Studie sollten Schutzfaktoren und Risiken geklärt werden. Die Resultate zeigten, dass Masern hier keine bedeutende Rolle spielen. Kinder mit durchgemachter Krankheit haben lediglich eine etwas geringeren Neigung zu Heuschnupfen.
Andere Einflüsse waren wesentlich wichtiger: Kinder, die während des ersten Lebensjahres Antibiotika erhalten hatten, erkrankten später beinahe dreimal so häufig an Asthma. Bei Kindern, die in diesem Zeitraum fiebersenkende Medikamente erhalten hatten, war das Asthmarisiko um 54 Prozent, jenes auf allergische Hautausschläge um 32 Prozent erhöht.
Auch eine aktuelle Schweizer Studie unter 1500 Kindern der achten Schulstufe ergab kein höheres Allergierisiko in Folge der Masernimpfung. Im Gegenteil: Sowohl der Kontakt mit den Masern-Wildviren als auch mit den abgeschwächten Impfviren reduzierte das Asthmarisiko auf die Hälfte. Und auch aus Afrika belegen zahlreiche Studien, dass die Masernimpfung dem Immunsystem nicht schadet, sondern sogar einen richtigen Aktivitätsschub beschert. „Wir sehen, dass geimpfte Kinder danach nicht nur gegen Masern, sondern auch gegen die gefürchteten Tropenkrankheiten wesentlich widerstandsfähiger sind“, erklärt Peter Aaby, der Leiter einer dänischen Forschungseinrichtung in Guinea-Bissau.

(Bert Ehgartner/profil Print-Ausgabe, 2008-04-07)


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